Full text : Protokolle der im October 1873 im Königlich Preußischen Unterrichts-Ministerium über verschiedene Fragen des höheren Schulwesens abgehaltenen Conferenz.

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vorkomme.  —  Man  habe  ferner  behauptet,  das  Studium  der  neueren
Sprachen  werde  durch  einen  vorhergegangenen  Unterricht  im  Lateinischen
  wesentlich  gefördert;  letzteres  sei  namentlich  für  die  romanischen
  Sprachen  Schloß  und  Schlüssel.  Dem  sei  jedoch  entgegenuhalten,
  daß  der  voraufgehende  lateinische  Unterricht  thatsächlich
für  die  darauf  folgende  Erlernung  des  Französischen  viel  weniger
Vortheile  gewähre,  als  letzteres,  wenn  es  voraufgehe,  für  das  erstere
biete.  —  Wenn  man  endlich  sage,  das  voraufgehende  Latein  befähige
  den  französischen  Unterricht,  praktischer  zu  sein,  so  verkenne
man  ganz  und  gar  die  Bedeutung  der  Unterrichtsfächer  für  die
Schule.  Ein  Unterricht,  der  blos  aus  praktischen  Gründen  Werth
habe,  gehöre  gar  nicht  in  die  Schule.

Es  sei  möglich,  daß  augenblicklich  noch  das  Lateinische  mehr
didaktisch  durchgebildet  sei  als  die  neueren  Sprachen,  obwohl  man
#“  in  einer  starken  Täuschung  wiege,  wenn  man  von  einer  festtehenden
  Methode  des  lateinischen  Unterrichts  rede;  auch  müsse  er
zugeben,  daß  es  mehr  Lehrer  gebe,  welche  im  Stande  seien,  in
einer  Serta  Latein  zu  lehren,  als  solche,  welche  in  dieser  Classe
einen  fruchtbaren  französischen  Unterricht  ertheilen  könnten.  Aber
diese  Einwürfe  würden  blos  dann  von  Bedeutung  sein,  wenn  es
sich  darum  handelte,  den  höheren  Lehranstalten  den  Anfang  des
fremdsprachlichen  Unterrichts  mit  dem  Französischen  zu  oktroyiren,
lasse  sich  aber  nicht  gegen  den  Anspruch  verwenden,  daß  eine  solche
Einrichtung  nur  gestattet  werden  möge.

Clr.  Ostendorf  erklärte  schließlich,  er  sei  überzeugt,  daß  wenn
gestattet  werde,  seinen  Plan,  welcher  nichts  Absonderliches  enthalte
und  dessen  Grundgedanken  von  manchen  Männern  auf  realistischer
und  selbst  auf  gymnasialer  Seite  getheilt  würden,  auszuführen,
diese  Ausführung  im  großen  und  ganzen  —  denn  über  Einzelnheiten
könne  man  sehr  wohl  streiten  —  Nachahmung  finden  und  daß  in
nicht  zu  langer  Zeit  schon  der  Mangel  an  Lehrern  eine  andere
Organisation  des  höheren  Schulwesens  mit  Nothwendigkeit  herbeiführen
  werde.  Gerade  deshalb  aber  sei  es  zweckmäßig,  die  Ausführung
  seines  Planes  zu  gestatten,  damit  später  plötzliche  Umwälzungen
  vermieden  würden.

Gegen  den  Antrag  des  Dir.  Ostendorf  wurde  eingewendet
(Jäger),  daß  der  entwickelte  Plan  neu  und  unter  den  Fachgenossen
noch  nicht  hinlänglich  erwogen  worden  sei,  um  in  einer  Versammlung
  discutirt  zu  werden,  welche,  wie  die  gegenwärtige,  zur  Berathung
  alsbald  in  die  Praxis  überzuführender  Einrichtungen  berufen
  sei.  Von  derselben  Seite  wurde  erklärt,  die  Ausführung  des
Planes  sei  eine  moralische  Unmsglichkeit;  es  sei  nicht  möglich,  drei
Jahre  nach  dem  franzöfischen.  Kriege  in  Deutschland  die  französische
Sprache  für  die  Basis  des  höheren  wisfenschaftlichen  Studiums