Full text : Kaiser Wilhelm II. Aus meinem Leben 1859-1888.

sie  zu  schildern.  In  mir  entflammte  er  die  heiße  Begeisterung  für
das  klassische  Altertum,  besonders  Griechenland,  die  mich  mein  Leben
hindurch  begleitet  hat  und  bis  zu  meinem  Ende  nicht  verlassen  wird.
Seine  reine  Seele  befähigte  ihn,  das  Edle  und  Erhabene  im  alten
Griechenland  zu  erfassen  und  zu  gestalten,  nie  wurde  er  müde,  darauf
hinzuweisen,  daß  kein  Volk  der  Erde  so  wie  die  alten  Griechen  die  Gabe
besessen  habe,  allen  seinen  Erzeugnissen  den  wundervollen  Geist  der
Harmonie  und  Schönheit  einzuflößen.  Seine  „Griechische  Geschichte“,
die  auf  mich  alles  andere  als  den  Eindruck  eines  trockenen  Geschichtswerkes
  machte,  habe  ich  mit  geradezu  fieberhafter  Begeisterung  gelesen.

Curtlus  war  zart  gebaut,  die  feingeschnittenen  Züge  seines  Antlitzes
  zeigten  einen  Anflug  von  Klassizität  und  den  Ausdruck  begeisterungsfähiger
  Intelligenz.  Freilich  war  auch  ihm  wie  manch  anderem
Professor  die  Gabe  der  Zerstreutheit  zu  eigen.  Ich  bin  ihm  oft  auf
seinen  Spazkergängen  begegnet  und  sah  jedesmal  das  gleiche  Bild:  die
Hände  auf  dem  Rücken,  den  Hut  etwas  zurückgeschoben,  vielleicht  den
Olpmp  oder  die  Akropolis  im  Geist  betrachtend,  zog  er  träumend
seinen  Weg,  unbekümmert  um  das,  was  um  ihn  her  vorging,  so  daß
er  niemals  semand  beim  Begegnen  erkannte.  Wenn  ich  ihn  unversehens
  anredete,  hörte  er  zuerst  gar  nicht,  und  dann,  wie  aus
dem  Schlafe  erwachend,  schüttelte  er  mir  freundlich  die  Hand  und
begrüßte  mich:  „Ach,  mein  lieber  Herr  Heutnant,  was  bringt  mir  das
Vergnügen?  Wie  heißen  Sie  doch  gleich?7“

Curtius  und  meinem  Bater  ist  es  zu  verdanken,  daß  dem  Deutschen
  Reich  bei  der  Erforschung  des  alten  Griechenlands  sein  gebührender
  Antell  und  seinen  Archäologen  eine  führende  Nolle  zuteil  geworden
  ist.  Ich  nenne  nur  den  Namen  Olpmpia.

III.
Meine  Erziehung  lag  bis  zu  meinem  siebenten  Lebenssahre  in
weiblichen  Händen  —  in  weiblichen,  aber  nicht  übermäßig  zarten!

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