Volltext : Zeitschrift für die gesammte Staatswissenschaft. Neunter Band. Jahrgang 1853. (9)

190  Studien  über

durch  das  Geselz  als  möglich  gegebenen  Formen  in  gewisser
Weise  anwendet.

Nun  enthält  das  württembergische  Privatrecht  allerdings  eine
Reihe  von  Rechtsmilteln,  welche  in  der  Richtung,  um  Landgüter
im  Erbgang  geschlossen  von  einer  Generation  auf  die  andere
zu  bringen,  angewendet  werden  können,  darunter  sogar  ein
solches,  welches  dem  römischen  Recht,  aus  dem  unser  Landrecht
hervorgegangen  ist,  unbekannt  war.

Fürs  Erste  nämlich  gibt  dasselbe  ganz  allgemein  Jedem
die  Befugniss,  ein  Testament  zu  machen  und  die  Intestaterbtheilung,
  wonach  alle  Kinder  zu  gleichen  Theilen  erben,  zu
Gunsten  eines  Kindes  abzuändern,  indem  es  die  Andern  bis  auf
den  Pflichitheil  zu  verkürzen  erlaubt.  -

Sodann  gestattet  das  Landrecht  im  Widerspruch  mit  dem
römischen  die  Errichtung  von  Erbverträgen  über  den  eigenen
Nachlass  ınit  Abänderung  des  Intestaterbrechts,  namentlich  in
der  Form  von  Eheverträgen.  Nur  fordert  es,  dass  solche  Verträge
  unter  gewissen  Förmlichkeilen  abgeschlossen  werden.  Auch
hierin  bietet  sich  also  ein  Rechtsmittel  dar,  um  ein  Gut  ungetheill
  auf  einen  Erben  zu  bringen;  nur  muss  bemerkt  werden,
dass  dasselbe  in  Bezug  auf  ein  solches  Interesse  sich  nur  formell,
nicht  materiell  von  dem  Testament  unterscheidet;  denn  auch
mittelst  eines  Erbverirags  darf  der  Pflichttheil  der  Notherben
nicht  verkürzt  werden.  Vielmehr  haben  diejenigen,  welche  nach
dem  Erbvertrag  weniger  erhalten  würden,  als  der  Pflichttheil
beträgt,  das  Recht,  die  Ergänzung  ihres  Erbtheils  bis  zur  Grösse
‚des  Pflichttheils  zu  verlangen.  In  ihrer  praklischen  Wirksamkeit
fällt  also  diese  privatrechtliche  Befugniss  mit  dem  erwähnten  Recht
der  testamentarischen  Bevorzugung  eines  Erben  zusammen.

Drittens  aber  verstattet  das  würtiembergische  Recht  ganz
allgemein  ohne  Rücksicht  auf  den  Stand  die  Errichtung  von
successiven  Fideicommissen,  mittelst  deren  ein  Gut  auf  mehrere
Generationen  hinaus  vor  der  Theilung  bewahrt  werden  kann,
wenn  nämlich  der  Stifter  ausdrücklich  die  Clausel
hinzufügt,  dass  das  Gut  geschlossen  bleiben  und  immer  nur
an  Einen  Erben  kommen  soll.  Der  Fideicommittent  ist  allerdipgs
auch  hier  gehalten,  wenn  er  mehrere  Kinder  hat,  einem  jeden