Full text : Zeitschrift für die gesammte Staatswissenschaft. Neunter Band. Jahrgang 1853. (9)

456  Studien  über  württembergische  Agrarverhältnisse.

und  Wiesen)  für  diesen  Zweck  verlangt  werden  müssen.  Güter
von  solcher  Grösse  sind  aber  in  den  weitaus  meisten  Gemeinden
mit  Theilbarkeit  durchaus  nicht  häufig.  Nun  könnte  es  schon  als
werthvoll  angesehen  werden,  wenn  auch  nur  die  wenigen  Güter
dieser  Art  der  weitern  Zerstückelung  entzogen  würden;  eine
rechte  Hülfe  jedoch,  eine  ausreichende  Garantie  für  einen  tüchtigen
  Ackerbau  und  für  Erhaltung  eines  soliden  Bauernstandes
wird  man  jedenfalls  darin  nicht  erkennen  können.  Man  könnte
noch  weiter  gehen  und  im  Voraus  bestimmen,  dass  die  Gebundenheit
  bei  allen  Gütern  eintreten  müsse,  welche  die  angegebene
Grösse  erreichen.  Aber  wo  ist  die  Garantie  dafür,  dass  solche
Güter  neu  gebildet  werden  in  einer  Gemeinde,  wo  die  ausgebildetste
  Zwergwirthschaft  bereits  herrschend  geworden  ist,  zumal
  dann,  wenn  durch  Schliessung  der  vorhandenen  grösseren
Güter  der  käufliche  Boden  sich  vermindert  hat?

Ein  bedenklicher  Umstand  ist  noch  dabei,  dass  nämlich  die
Feststellung  der  neu  zu  bindenden  Güter  in  den  einzelnen  Orten
noihwendig  mehr  oder  minder  willkührlich  seyn  würde.  Wenn
nämlich  auch  das  Gesetz  den  allgemeinen  Maasstab  für  die  zu
schliessenden  Güter  aufsiellte,  so  bleibt  doch  noch  immer  die
Anwendung  auf  den  einzelnen  Fall  in  der  Hand  der  Behörde.
In  dieser  Beziehung  ist  bei  der  Einführung  des  Systems  der  Gebundenheit
  nicht  weniger  Willkühr  und  polizeiliches  -  Eingreifen
wie  beim  Minimum.  Nur  hat  jenes  vor  diesem  den  grossen  Vortheil,
  dass  im  Allgemeinen  mit  der  ersten  Einführung  auch  das
obrigkeitliche  Eingreifen  sein  Ende  erreicht  hat.  Das  System
steht  dann  im  Leben,  und  es  bleibt  dem  Volke  überlassen,  seine
Verhältnisse  selbstständig  darnach  einzurichten.

Für  keinen  Einwand  gegen  den  Gedanken  einer  neuen  Schliessung
  des  grösseren  bäuerlichen  Grundbesitzes  wird  man  dagegen
den  Umstand  halten  können,  dass  in  den  Gemeinden  mit  Theilwirklich

  sparsamer  Wirthschaft  -und  mittlerer  Lebensdauer  so  viel  zurückzulegen,
  dass  ausser  dem  Gutsübernehmer  noch  zwei  bis  drei  Kinder  wohl
versorgt  werden  könnten.  Bei  geringem  Boden  wäre  freilich  ein  weit  grösseres
  Areal  erforderlich,  ebenso  bei  Waldgütern,  wenn  auch  hier  weniger
Bauland  nöthig  wäre.  Bei  Gütern  von  solcher  Grösse  aber  wäre  wenigstens
die  ungleiche  Erbtheilung  keine  Nothwendigkeit.