Full text : Unser Preußen.

302  Dritter  Zeitraum.

konnte.  Auch  im  Norden  stand  eine  Armee  unter  Bourbaki,  die  mit  einer
Westarmee  Fühlung  hatte;  im  Südosten  hatte  der  Italiener  Garibaldi  aus
italienischen  und  französischen  Freischaren  ein  Korps  gebildet,  um  aus  Begeisterung
  für  die  Republik  die  Sache  der  Freiheit  zu  verteidigen.  Gegen
ihn  wandte  sich  Werder,  der  ihn  bis  über  Dijon  hinaustrieb,  während  er
gleichzeitig  Belfort  belagerte.  Gegen  die  übrigen  feindlichen  Heere  stand
der  deutschen  Heeresverwaltung  aber  kaum  ein  nennenswertes  Korps  zur  Verfügung.
  Da  fiel  zum  Glück  Metz.  Schon  vorher  hatten  die  einzelnen  dadurch
frei  werdenden  Korps  Anweisung  erhalten,  wohin  sie  sich  wenden  sollten:
General  v.  Manteuffel  sollte  mit  der  ersten  Armee  das  Belagerungsheer  im
Norden  schützen;  ein  Korps  blieb  zur  Besetzung  von  Metz  und  zur  Bewachung
der  Gefangenen  zurück;  Prinz  Friedrich  Karl  zog  mit  drei  Korps  nach  Südwesten.
  Es  war  die  höchste  Zeit!

Die  größte  Gefahr  drohte  von  der  Loire-Armee.  General  v.  d.  Tann
vermochte  sich  nicht  länger  zu  halten;  nach  einem  siebenstündigen  Kampfe  gegen
eine  vierfache  Ubermacht  bei  Coulmiers  zog  er  sich  geordnet  zurück.  Zu
seiner  Unterstützung  erschien  zuerst  der  Großherzog  Friedrich  Franz  von
Mecklenburg,  dann  Prinz  Friedrich  Karl,  der  die  schon  auf  dem  Marsche
nach  Norden  befindliche  Loire-Armee  aufhielt  und  bei  Beaune  la  Rolande
(28.  November)  besiegte.  Dann  drängte  er  sie  am  3.  und  4.  Dezember  in
mehreren  Gefechten,  die  man  unter  dem  Namen  Schlacht  bei  Orleans
zusammenfaßt,  bis  Orleans  zurück;  die  Stadt  kapitulierte  und  wurde  wieder
von  den  Deutschen  besetzt.  Die  Loire-Armee  war  zersprengt;  ein  Teil  derselben
zog  sich  nach  Westen  zurück,  der  andere  fand  später  im  Südosten  Verwendung.
Deutsche  schwärmten  bereits  auf  dem  linken  Loireufer,  und  die  Regierung  in
Tours  verlegte  der  Sicherheit  wegen  ihren  Sitz  nach  Bordeaux.

Auch  im  Norden  waren  die  deutschen  Waffen  siegreich.  Nachdem
Manteuffel  den  Feind  bei  Amiens  nach  heftigem  Kampfe  geworfen  hatte,
konnte  er  seine  Truppen  an  die  Küsten  des  Kanals  und  südlich  bis  über  die
Seine  hinaus  schweifen  lassen.  Eine  zweite  Armee  traf  er  hinter  der  Hallue,
einem  von  Norden  nach  Süden  zur  Somme  fließenden  Bach,  wo  sie  sich  in
den  am  Bache  liegenden  Dörfern  und  auf  dem  östlichen,  das  westliche  überragenden
  Ufer  verschanzt  hatte.  Trotz  dieser  günstigen  Stellung  und  der
Ubermacht  des  Feindes  wurde  dieser  (23.  Dezember)  dennoch  vertrieben.

In  diesen  Tagen  begann  auch  die  Beschießung  der  Pariser  Festungswerke;
deshalb  verdoppelten  die  Franzosen  ihre  Anstrengungen,  der  bedrängten  Stadt
Hilfe  zu  bringen,  solange  es  noch  möglich  war:  im  Norden,  Westen  und  Süden
bildeten  sich  neue  Heere.  Am  meisten  war  die  Westarmee  unter  Chanzy  zu
fürchten;  deshalb  brach  Prinz  Friedrich  Karl  gegen  sie  auf,  der  Großherzog
von  Mecklenburg  schloß  sich  ihm  an.  Der  Marsch  stellte  an  die  Truppen
die  höchsten  Anforderungen.  Der  eisigen  Winterkälte  der  letzten  Tage  folgte
Regen  und  Schnee;  als  dann  wieder  Frost  eintrat,  vermochten  die  Fußgänger
auf  dem  glatten  Boden  kaum  vorwärts  zu  kommen,  und  die  Reiter  mußten
ihre  Pferde  am  Zügel  führen.  Auch  die  Verpflegung  der  Truppen  war  ungenügend;
  trotzdem  trieben  sie  den  an  Zahl  doppelt  überlegenen  Feind  in  den
Kämpfen  vor  Le  Mans  (10.—12.  Januar)  von  Dorf  zu  Dorf,  von  Gehöft