Full text: Staatsbürgerliche Belehrungen in der Kriegszeit. Band 2. (2)

10 A. v. Janson 
nebst dem allein auf dem linken Weichselufer verbliebenen preußischen Land- 
wehrkorps den Rückzug antreten müssen. Wenn die 2. und 3. Armee auch 
zeitweise wieder Boden gewannen, so machte sich die außerordentliche Über- 
legenheit des Gegners (rund 200 Bataillone mehr) doch derartig geltend, 
daß der Oberkommandierende Erzherzog Friedrich und sein Generalstabschef 
Conrad v. Hötzendorf am 11. September mittags den schweren Entschluß 
faßten, den Kampf abzubrechen und über den San zurückzugehen. Die 
Russen schlossen die an jenem Flusse gelegene Festung Przemysl ein und 
gewannen in den Karpathen Raum. Serbien, wo der Krieg entbrannt 
war, wurde Nebenkriegsschauplatz. 
Eine gemeinsame Offensive der Verbündeten sollte die Lage wieder 
herstellen und, wenn möglich, eine Entscheidung herbeiführen. Die Beschrän- 
kung auf die reine Verteidigung in Ostpreußen ermöglichte Hindenburg die 
Hauptmasse seiner Truppen mit der Eisenbahn nach Schlesien zu verlegen 
und von dort gegen die Weichsel zwischen Warschau und Iwangorod vor- 
zurücken. Seinem rechten Flügel schlossen sich in Südpolen österreichische 
Streitkräfte und das Korps Woyrsch an, und südlich der Weichsel in Galizien 
wurden in kräftiger Offensive die Russen über den San zurückgedrängt, nur 
das Mündungsgebiet hielten sie fest. Przemysl wurde entsetzt und die Buko- 
wina bis über Czernowitz hinaus wiedergewonnen, der Vormarsch ging 
umfassend gegen Lemberg. Da brachen die Russen gegen Ende Oktober in 
Polen durch die Festungen Warschau und Iwangorod, die einzigen Weichsel- 
übergänge auf der weiten Strecke, mit großer Überlegenheit zum Gegen- 
angriff vor, während über Nowo-Georgiewsk (westlich von Warschau) eine 
neue Armee in Hindenburgs linker Flanke erschien. Der Feldmarschall, der 
stets, um mit Moltke zu sprechen, die richtige „Aushilfe“ fand, ließ sich nicht 
auf eine Schlacht unter so ungünstigen Verhältnissen ein, sondern führte, 
alle Verbindungen, die den Russen nützlich werden konnten, zerstörend, gegen 
Ende Oktober einen meisterhaften Rückzug nach Oberschlesien aus, um, 
unbeirrt durch die gleichzeitige Vedrängung Ostpreußens, ohne Säumen 
zu einem überraschenden Angriff auf neuer Grundlage überzugehen. Mit 
der Eisenbahn verlegte er, von den Russen unbemerkt, den größten Teil 
seiner Streitkräfte nach der Gegend von Thorn, nicht, um sich dem vom 
Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch geplanten Siegeszuge nach Berlin un- 
mittelbar vorzulegen, sondern um mit einer unter Heranziehung von Ver- 
stärkungen neu gebildeten, dem General v. Mackensen unterstellten Armee 
gegen des Gegners rechte Flanke vorzustoßen. Nach mehrfachen Teilsiegen 
gelang es ihm im Beginne des letzten Drittels des Novembers die Russen 
in der Gegend von Lodz von drei Seiten zu umfassen. Mit der Eisenbahn 
herangeführte neue russische Kräfte wandten die Einschließungsgefahr ab 
und bedrohten den mit verkehrter Front fechtenden rechten deutschen Flügel, 
der sich am 21. November unter Führung der Generale v. Scheffer-Boyadel 
und Litzmann heldenmütig durchschlug. Die Russen gingen im Dezember 
auf dem linken Weichselufer zum Stellungskrieg über, im Norden an der 
Bzura und Rawka, im Süden an der Nida. Wie auf dem westlichen Kriegs- 
schauplatz entstand ein zähes Ringen.