Full text : Preußische Geschichte. Dritter Band. (3)

IV.  Die  Jahre  der  Enkkäuschung  und  Erniedrigung.
1809—1812.

Trübere  Zeiten  hat  Preußen  nie  erlebt,  als  die  anderthalb
  Jahre  nach  Steins  Rücktritt.  Im  Gefühl  der  wachsenden
Kraft  zum  Freiheitskampf  entschlossen,  sah  das  Volk  sich  von
der  Regierung  im  Stich  gelassen,  durfte  die  Armee  den  großen
Moment  nicht  benutzen.  Nie  ist  die  Anhänglichkeit  des  preußischen
  Volkes  an  sein  Königshaus  auf  eine  härtere  Probe  gestellt
  worden.  Wie  mancher  Tapfere  wandte  sich  von  diesem  ab,
um  unter  fremdem  Banner  gegen  den  Tyrannen  zu  fechten.  So
ganz  hatte  auch  der  König  die  Fühlung  mit  seinem  Volke  verloren,
  daß  er  an  Niederlegung  der  Krone  dachte.

Zum  Finanzminister  war  auf  Hardenbergs  Empfehlung
Altenstein  ernannt.  Das  Innere  übernahm  Graf  Alexander
zu  Dohna-Schlobitten.  Justizminister  wurde  Beyme.  Das  Auswärtige
  behielt  Goltz.  Hinter  diesen  Männern  standen  Steins
höfische  und  altadlige  Gegner,  die  mit  dem  Minister  auch  sein
System  beseitigt  zu  sehen  gehofft  hatten.  Das  geschah  nun
zwar  nicht:  die  bisher  durchgeführten  Neformen  konnten  nicht
rückgängig  gemacht  werden.  Aber  ein  Stillstand  trat  ein,  vielleicht
  weniger  aus  bösem  Willen  als  aus  Unvermögen  der  leitenden
  Männer.  Nur  zwei  Gebiete  blieben  davon  ausgenommen.
Scharnhorst  arbeitete  weiter  an  der  Verjüngung  der  Armce,
die  vermöge  des  Krümpersystems  (S.  445)  trotz  der  Konvention
vom  8.  September  und  der  Wachsamkeit  St.  Marsans  anuch
nmumerisch  rasch  wuchs,  und  im  Ministerium  des  Innern  sorgte
als  Leiter  der  Abteilung  für  Kultus  und  Unterricht  Wilhelm
v.  Humboldt  (geb.  22.  Juni  1767,  gest.  8.  April  1835)  für
die  Bildung  des  heranwachsenden  Geschlechts.  Die  Volksschule
wurde  auf  Pestalozzis  Lehren  gegründet.  Die  höheren  Schulen