Full text: Bismarck Die gesammelten Werke. Band 2. (2)

74 Das Wetterglas Darmstadt. Österreichs lahmes Schlachtroß. Malets Toast. 
für die Stimmung der deutschen Regirungen an; das Quecksilber Dalwigks giebt am 
leichtesten dem Druck der politischen Atmosphäre nach. Östreich tummelt im Journal de 
Francfort und Constitutionel in wahrhaft lächerlicher Weise sein lahmes Schlachtroß von 
Versicherungen dessen, was es für Frankreich thun werde und längst gethan hätte, wenn 
es nicht von Preußen am Rockschoß gehalten würde. Ich möchte doch wissen, wen sie 
mit diesen würdelosen Augendienereien gegen Westen und Renommagen gegen Osten noch 
zu betrügen glauben; solange die Armee nicht wieder in Gallizien steht, ist doch diese 
Drapirung mit dem Kriegsmantel zu fadenscheinig. Mit der ausgezeichnetsten Hoch= 
achtung verharre ich   … 
85. Vertraulicher Bericht an Minister v. Manteuffel. 
[Ausfertigung.]  
8. Oktober 1855. 
Aus den öffentlichen Blättern habe ich Kenntnis von Äußerungen erhalten, die der 
beim Deutschen Bunde akkreditierte K. Großbritannische Gesandte Alexander Malet auf 
einem, während meiner Abwesenheit zur Feier der Eroberung Sebastopols von Privat= 
leuten, meistens Engländern, veranstalteten Diner in Homburg über die preußische Politik 
in der orientalischen Angelegenheit getan haben soll. Von diesem Vorgange hat man 
hier, ungeachtet der Nähe Homburgs, da es sich nur um eine Privatgesellschaft handelte, 
erst durch die englischen Blätter Nachricht erhalten. Seitdem die Sache hier bekannt ge= 
worden, ist sie von mehreren deutschen Blättern mit einer Lebhaftigkeit aufgenommen 
worden, die ich vorzugsweise dem durch die Ausfälle der englischen Presse auf Preußen 
und Deutschland verletzten Gefühle zuschreibe. Eigentümlich aber ist es, daß insbesondere 
die der österreichischen Politik ergebenen offiziösen Blätter der Sache eine Wichtigkeit 
beizulegen bemüht sind, welche eine derartige bei einem Privatdiner, wenn auch von einem 
Diplomaten, begangene Unvorsichtigkeit in keiner Weise haben dürfte. Sehr viel un= 
passendere und stärkere Äußerungen hat man von österreichischen Diplomaten, vor allem 
von Herrn von Prokesch, wenn auch vor weniger Zuhörern, jedenfalls in weit un= 
geeigneterer Weise hören können. 
Abgesehen von diesen Erwägungen, erlaube ich mir mit Rücksicht auf die Persön= 
lichkeit des hiesigen englischen Gesandten meine unvorgr. Ansicht dahin auszusprechen, daß 
unsererseits eine amtliche Notiz von dem Vorgange nicht genommen werde. Sir Alexan= 
der ist im übrigen jederzeit ein inoffensiver Charakter, der sich durch Ruhe und Mäßigung 
bei politischen Meinungsverschiedenheiten  vor vielen seiner englischen Kollegen auszeichnet, 
und dem seine Regierung eher den Vorwurf der Indifferenz als den zu großen Eifers 
machen könnte, der aber, abgesehen von der jetzigen orientalischen Frage, in seinen Sym= 
pathien viel mehr zu Preußen als zu Österreich hinneigt. Zu der Klasse der Engländer 
gehörend, welche mit einer gewissen Leidenschaft den Vergnügungen der Jagd und des 
Angelns nachgehen, regen ihn politische Fragen gewöhnlich nicht lebhaft an, und er ist 
zufrieden, wenn die Geschäfte ihn nicht von den gedachten Vergnügungen abziehen. Was 
ihn bei der fraglichen Gelegenheit das diplomatische Gleichgewicht in seinen Reden hat 
verlieren lassen, ist eine bei Engländern von seiner Geschmacksrichtung im allgemeinen 
häufige Vorliebe für reichlichen Weingenuß während der Mahlzeiten. Sir Alexander 
ist gegen mich stets offen und mitteilend gewesen und hat mir auch jetzt, ohne sich seiner