Metadata : Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Erster Band Erste Hälfte.

20  Vorgeschichte  der  Akademie.

3.

Unter  den  Mitteln  aber,  dureh  die  Leisnız  das  Wohl  des  Vaterlandes
  und  das  allgemeine  Wohl  befördern  und  die  Menschheit  auf
eine  höhere  Stufe  heben  wollte,  standen  ihm  zwei  zeitlebens  im
Vordergrund;  sie  ergaben  sich  aus  der  Idee,  die  Weltharmonie  zu
befördern  und  jene  Einheit  in  der  menschlichen  Gesellschaft  zu  verwirklichen,
  die  in  dem  grossen  \Weltsystem  von  Gott  selbst  bewirkt
ist'.  Das  Eine  war  die  Reunion  der  katholischen  und  evangelischen
Kirche  oder  —  als  dieses  Ziel  in  immer  weitere  Ferne  rückte”  —
mindestens  die  Vereinigung  der  beiden  getrennten  protestantischen
Confessionen.  Für  dieses  Werk  schien  ihm  eine  enge  Verbindung
von  Hannover  und  Brandenburg  die  notlıwendige  Vorbedingung,
und  von  hier  aus  erklären  sich  seine  lebhaften  Bestrebungen,  in
Berlin  festen  Fuss  zu  fassen  (seit  dem  Jahre  1697).  Allein  in  Hannover,
  obgleich  der  Kurfürst  lutherisch  und  seine  Gemahlin,  die
freisinnige  Tochter  des  Winterkönigs,  reformirt  waren,  hat  man  es
mit  den  Reunionsversuchen  nur  so  lange  ernst  genommen,  als  man
besondere  Vortheile  für  die  Dynastie  von  ihnen  erhoffte.  Sobald
die  englische  Erbschaft  in  Sicht  trat,  hörten  sie  vollends  auf.  In
Berlin  dagegen  war  man  unter  Frıevricn  I.  und  Frievrıicn  WiLnen  |.

®  Vergl.  Fıscner,  J.L.  Friscn's  Briefwechsel  mit  G.W.  Lriessz  (Archiv  der
»Brandenburgia«  2.  Bd.  1896)  S.IV  £.

?2  Anfgegeben  hat  Lrisxız  diesen  Plan  bekanntlich  niemals  und  ihm  grosse
Opfer  an  Zeit  und  Kraft  gebracht.  In  den  Annalen  (vergl.  Bopesann,  Ztschr.
d.  histor.  Vereins  f.  Niedersachsen  1888  S.  86)  stehen  die  znversichtlichen  Worte:
»lch  verzweifle  nicht,  dass  dieses  heilsame  Ziel  einst  noch  erreicht  werden  wird.
Denn  sollte  nicht  nach  Kart  und  Orro  dem  Grossen  ein  dritter  grosser  Kaiser
aus:  dem  zur  Aufklärnng  der  Völker  berufenen  Dentschland  erstelien
können,  der  Rom  wieder  katholisch  und  apostolisch  mache?  Wenn  zwei  oder  drei
mächtige  Könige  das  Unternehmen  desselben  ımterstützen,  so  ist,  glaube  ich,  die
Saehe  geschehen.  Verscheucht  ist  die  Finsterniss  der  Welt  durch  däs  Licht  der
Wissenschaften  und  der  Geschichte;  und  wie  nothwendig  diese  Reform  sei.  wird
von  den  meisten  dnrch  Gelehrsamkeit  und  Erfahrung  hervorragenden  Katholiken
selbst  mehr  verschwiegen  als  geleugnet.  Aber  sie  wird  kommen,  gewiss  sie  wird
kommen  die  Zeit.  wo  die  segensreiche  Wahrheit  überall  sich  wird  änssern  dürfen.«

°  Die  Kurfürstin  Sornie  konnte  an  Leissız  scherzend  schreiben,  man  müsse
in  Bezug  anf  die  Rennion  auf  eine  ansserordentliche  Offenbarung  hoffen,  und  »da
das  Christenthnm  in  die  Welt  durch  eine  Fran  gekommen  sei,  so  würde  es  glorreich
  für  sie  sein,  wenn  die  Union  dnrch  sie  zu  Stande  käme«.  An  ihren  Bruder,
den  pfälzischen  Knrfürsten,  schmieb  sie:  »  Was  ınir  am  meisten  bei  der  Rennion  am
Herzen  liegt,  ist,  dass  für  unsere  Kinder  ante  Vortheile  daraus  erwachsen,  was
meln'  befriedigen  wird  als  alle  Speeulationen,  die  Niemand  verstelt«  (s.  BoDENARNN,

a.2.  0.8.85  1.).