Audienz des Grafen Goltz 13. Juli. 581
In einem ausführlicheren Berichte vom 14. Julin, den Sybel großenteils
wörtlich in seine Darstellung aufgenommen hat, gibt Goltz noch einige genauere
Details. Er habe zunächst einige Bedenken des Kaisers, daß Preußen vielleicht
absichlich zögere, um Zeit zu gewinnen, zu beschwichtigen gehabt. Dann habe er
darauf hingewiesen, daß selbst die offiziellen Persönlichkeiten, die dem
Kaiser zum Kriege gegen Preußen rieten, sich der Konsequenzen nicht bewußt
wären, weil ihnen die politische Lage unbekannt sei. So könne er z. B., um
nicht den Verdacht der Einschüchterungsabsicht zu erwecken, selbst Drouyn
de Lhuys von den seit einiger Jeit für Preußen sehr günstig gewordenen Dispositionen
der Kabinette von London und Petersburg, insbesondere von dem
durch die französische Mediation daselbst bewirkten Umschwung nichts erzählen.
Die Herren, die den Kaiser in eine kriegerische Politik hineinzutreiben
suchten, wüßten offenbar nicht, welche Gefahren sie gegen Frankreich heraufbeschwüren.
Leider habe er bis jetzt nur ganz vorläufige Instruktionen von Bismarck
erhalten, die ihn aber doch in den Stand setzen würden, mit dem Kaiser einen
Ideenaustausch zu bewirken und dadurch festzustellen, hinsichtlich welcher
Wünsche Preußen auf Napoleons Unterstützung würde rechnen können und
welchen Punkten er entgegen sei.
Er habe nun nach Maßgabe der ihm erteilten Instruktionen damit begonnen,
die volle Annexion der norddeutschen Länder, deren Regierungen am
14. Juni dem Bundeskriege gegen Preußen zugestimmt hätten, als eine Forderung
der öffentlichen Meinung und als die zweckmäßigste Lösung hinzustellen,
ferner damit das Bundesreformprojekt mit dem Bemerken in Verbindung
zu bringen, daß Preußen Süddeutschland nicht in seine Machtsphäre
zu ziehen beabsichtige. Die Antwork des Kaisers, die bei Sybel im Auszuge
wiedergegeben ist, ging darauf hinaus, daß ihm das Schicksal der norddeutschen
Staaten an sich völlig gleichgültig sei, und er nur eine Garantie dafür
zu haben wünsche, daß der Nordbund den süddeutschen Staaken gegenüber
nicht zu übermächtig werde. Sein Vorschlag, Sachsen dem süddeutschen Bunde
anzugliedern oder aus der Rheinprovinz einen selbständigen Staat unter
dem Könige von Sachsen zu machen, wies Goltz zurück, bemühte sich aber,
andere Garantien für hie Selbständigkeit des Südens gegenüber dem Norden
vorzuschlagen. Nach Bismarcks letzten Instruktionen sei er im Jweifel, ob
überhaupt noch eine konföderative Verbindung mit den süddeutschen Staaten
vermittelst eines gemeinsamen Bundestags und Parlaments ins Auge gefaßt
werde. Selbst in diesem Falle würden sich aber Formen denken lassen,
welche die Selbständigkeit des Südens dem Norden gegenüber sicherzustellen
1 Bericht v. 14. Juli pr. Nicolsburg 10. Juli, Auszug Sybel 279—258.