Physische Rüstung des Volkskörpers. 209
Durch das Reichsgesetz vom 4. August 1914 war Vorforge dafür
getroffen, daß von den geltenden Beschäfti kungen Ausnahmen
gewährt werden konnten. Znebesondere wurden solche Ausnahmen
für die eigentliche Kriegsindustrie und die Deckung des Nahrungsmittelbedarfes
zugelassen mit Bezug auf Uberstunden, Nachtarbeit, Sonntagsarbeit,
Pflichtbesuch der Fortbildungeschulen und Zulassung weiblicher
und jugendlicher Arbeitekräfte.
Auf anderen Gebieten aber kam es auch zur Berschärfung der
Schutzbestimmungen, die freilich nicht unmittelbar aus sozialpolitischen
Nücksichten diktiert waren, sondern eine zwangeweise Streckung knapper
Rohstoffvorräte bezweckte. So erging für die Bäckereien ein Nacht-Backverbot,
das übrigens alten Wünschen der in diesem Gewerbe beschäftigten
Arbeiter entsprach. Ferner wurde die Arbeitszeit in Spinnereien,
Webereien und Wirkereien eingeschränkt, um die gleichmäßige
Streckung der Spinnstoffe zu bewirken. Im allgemeinen aber wurde
an den alten Grundsätzen der deutschen Sozialpolitik durchaus festgehalten,
ja, nach Möglichkeit auf weitere Erfüllung sozialpolitischer Wünsche der
Arbeiterschaft Bedacht genommen, — hatte une doch die Sozialpolitik
eine soziale Rüstung gegeben, die neben der militärischen und finanziellen
Rüstung eine phosische Rüstung des Volkekörpers bedeutete!
Vergessen wir nicht, daß die ursprüngliche Berücksichtigung sozialpolitischer
Forderungen in Deutschland ihren Ausgang genommen hat
von militärischen Berichten über sinkende Tauglichkeit der Fabrikbevölkerung,
und zwar vornehmlich von jenem berühmten Bericht des
Generals v. Horn vom Jahre 1828 an den König von Preußen, in dem
ausgeführt wurde, daß die Rheinlande infolge rücksichteloser Auenutzung
der Arbeitekräfte durch die Industrie bald nicht mehr genug Rekruten
würden stellen können!
Oberstes Ziel der deutschen Sozialpolitik ist — entsprechend dieser
ersten militärischen Anregung — eine physische Erstarkung des Bolkskörpers
bzw. die Abwendung physischer Schäden von ihm gewesen. Dazu
trat als treibende Kraft die Sorge um psfpchische Gesunderhaltung des
Volkes, d. h. um Behebung staatsfeindlicher Stimmungen in den Arbeiterkreisen
durch staatliche Arbeiterfürsorge. Über dieses Wesen der deutschen
Sozialpolitik, deren Wirkungen sich im Kriege bewähren sollten, heißt es
treffend in der Einleitung eines Aufsatzes von Ministerialrat Professor
Dr. Friedrich Zahn in München über „Deutsche Sozialpolitik und der
Krieg“ in den „Annalen des Heutschen Reiche#s“ (Jahrgang 1916, Heft 1):
„Ziel einer richtig verstandenen Sozialpolitik ist größte physische,
materielle und moralische Kraft der Massen, nicht etwa bloß Reichtum und
Tüchtigkeit Weniger. Denn in der Kraft der Massen ist die Zukunft, die
Dir. Wirtschoftskrieg und Nriegswilrischaft. 14