November 1907. 19
benutzen, die ich mir an der Hand der Akten gemacht habe, um nichts zu
übersehen und ein möglichst vollständiges, durch Zahlen beleuchtetes Bild
der tatsächlichen Verhältnisse geben zu können. Ich hoffe, daß es auf diese
Weise mir auch möglich sein wird, bei der Einbringung dieser wichtigen
Vorlage unnötige Polemik zu vermeiden und Ihnen in aller Ruhe und
Sachlichkeit die zwingenden Gründe darzulegen, welche die Königliche
Staatsregierung veranlaßt haben, in dem vorliegenden Gesetzentwurf Ihnen
so tief einschneidende Maßnahmen vorzuschlagen.
In der Sitzung vom 13. Jannar 1902 sagte ich:
Die Gesamtbevölkerung der Provinz Posen hat sich scit der Volkszählung
von 1890 bis zu der von 1900 um zirka 7 34% vermehrt.
Der Zuwachs der polnischen Bevölkerung beläuft sich dabei auf
zirka 10½00, während die Zunahme der Deutschen nur auf zirka
3%% . . . . zu schätzen ist.
Das Bild ist aber ein anderes, wenn man die Ergebnisse der Volkszählung
von 1905 berücksichtigt. Es haben sich nämlich seit 1900 in der Provinz
Posen die Deutschen um 43 000 Köpfe, das sind 5,97 %o, die Polen um
59 000 Köpfe, das sind 5,08 %%, vermehrt. Der Anteil der deutschen Be—
völkerung ist von 38,07 0 auf 38,32 00 gestiegen, der der polnischen hat
sich von 61,32 % auf 61,21 0% vermindert. Diese Zahlen mögen an und für
sich noch nicht viel besagen; sie gewinnen aber an Bedeutung, wenn mansich
gegenwärtig hält, daß die Deutschen in der Provinz in den letzten 5 Jahren
sich ebenso stark vermehrt haben wie vorher in 20 Jahren, und daß sie sich
in den ländlichen Ortschaften des besonders stark besiedelten Regierungsbezirks
Bromberg auch schon absolut stärker vermehrt haben als die Polen.
Es scheint hiernach die Hoffnung berechtigt, daß durch die Ostmarkenpolitik
der Regierung in der Provinz Posen die seit 1867 bestehende Verschiebung
der Bevölkerungsziffer zu Ungunsten des Deutschtums allmählich zum Stillstande
gekommen ist.
Ein ungerechter Vorwurf, der gegen die Tätigkeit der Ansiedlungskommission
immer wieder erhoben wird, gipfelt darin, daß sie nur das Deutschtum
des platten Landes stärke, die deutschen Handwerker, Kaufleute
und sonstigen Gewerbetreibenden in den Städten zu wenig
berücksichtige. Ich habe in diesem Hohen Hause zu wiederholten Malen
erklärt, daß ich die Förderung des städtischen Deutschtums selbstverständlich
auch als einen der wichtigsten Punkte unserer Ostmarkenpolitik
betrachte. Ich habe mich im Eingang meiner Ausführungen auch heute
wieder zu dieser Ansicht bekannt und darauf hingewiesen, daß die Königliche
Staatsregierung sich dauernd bemüht hat, dieser Aufgabe gerecht zu werden.
Hötzsch, Fürst Bülows Reden 2c. III. 1