Reichstag. — 195. Sitzung. Donnerstag den 24. Oktober 1918.
(Noske, Abgeordneter.)
(A# den letzten Stunden, weil sie glaubten, daß Deutschland
ihnen bald wehrlos als Beute erliegt. Das ist der Grund,
daß mir die Reden und Erklärungen von vier deutschen
Reichstagsabgeordneten, die wir gehört haben, den
gestrigen Tag als den trübsten erscheinen lassen,
(sehr richtigl links, im Zentrum und rechts)
den wir bisher während dieses Krieges erlebt haben.
(Zustimmung.)
Meine Herren, die Zerstückelung wird Deutschland angedroht.
Selbst nach Gebieten mit rein deutscher Bevölkerung wird
als Siegesbeute geschrieen.
Wir verkennen auch jetzt nicht, daß die wirtschaftliche
Zukunft unseres Landes und damit die Zukunft der
deutschen Arbeiterklasse, noch immer auf das ärgste gefährdet
erscheint.
(Sehr richtig! links und rechts.)
Höchste Not unseres Landes verpflichtet nicht dazu, auf
jede Kritik zu verzichten, wie es zum Beispiel italienische
Sozialisten taten, als das italienische Heer am Isonzo
zusammenbrach. Aber ich bestreite, daß das beinahe
wollüstige Wühlen in den Wunden des Reichs den Interessen
des Proletariats dient.
(Lebhaftes Bravo links und rechts.)
Das Haus brennt, und der Herr Abgeordnete Haase hat
nach meinem Empfinden gestern Ol ins Feuer geschüttet
(sehr richtigl bei den Sozialdemokraten)
und dazu beigetragen, daß die Rettungsmannschaft einander
in die Haare gerät. Meine Fraktion will, daß dem deutschen
Proletariat das Dach über dem Kopfe erhalten bleibt.
Ich teile die Auffassung des Herrn Haase, daß große
Teile der deutschen Wirtschaft für die Sozialisierung reif
sind. Deshalb wollen wir sie aber nicht durch den Bürgerkrieg
erst zugrunde richten und dann anfangen, sie neu zu
schaffen,
(sehr gut! links und rechts)
(3) sondern wir sind der Uberzeugung, daß die Kraft der
deutschen Arbeiterklasse, die reichen Zuzug aus den Kreisen
der Angestellten und aus den Kreisen des ruinierten
Mittelstandes erhalten wird, groß genug sein wird, um
sehr bald eine Mehrheit in Deutschland zu schaffen, die
an einem organischen, geordneten Aufbau der sozialistischen
Weltordnung arbeiten kann.
(Sehr richtigl bei den Sozialdemokraten.)
Herr Haase und einzelne seiner Freunde wollen an die
Mitarbeit gehen, wenn die Proletarier allein zu bestimmen
haben. Ich wünschte, daß eine solche Mehrheit bald da
wäre. Aber man kommt diesem Ziele nicht näher, wenn
man die Proletarier gegeneinander führt.
(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.)
Auf weitere Auseinandersetzungen mit den Unabhängigen
will ich vorläufig verzichten. Ich bin der Überzeugung,
daß die Stunde zu ernst ist, als daß man sich jetzt gegenseitig
hier auf der Tribüne des Reichstags katzbalgen soll.
(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)
Meine Herren, aus allen möglichen Kreisen der Bevölkerung
haben Berufene, nach meinem Empfinden noch
mehr Unberufene das deutsche Volk gemahnt, Mut und
Standhaftigkeit zu zeigen. Soweit ich mich in der
deutschen Bevölkerung umsehen kann, erscheinen mir solche
Ratschläge nicht erforderlich. Das deutsche Volk verzweifelt
nicht an seiner Zukunft, es ist auch keineswegs
durch die Vorgänge der letzten Zeit gebrochen worden.
Unser Volk wird sein Schicksal im Innern zu formen
wissen. Die Verfassungsänderungen, die zur Beratung
stehen, bedeuten, wie der Herr Bizekanzler erfreulicherweise
gestern mit Recht betont hat, nicht einen Abschluß,
sondern einen Beginn der großen innerpolitischen Umwilzung,
die Deutschland erfahren muß, wenn es leben
soll. ir Sozialdemokraten werden uns angelegen sein
lassen, die jetzt vorzunehmende Notstand saktion, bei der
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das dringendste getan wird, rasch zur Erledigung zu (O)
bringen.
Meine Herren, wenn ein Verständigungsfriede oder,
wie man sagt, ein Friede des Rechts zustande kommen
soll, ist nach Uberzeugung meiner Parteifreunde erste
Voraussetzung, daß nicht deutsche Männer und deutsche
Frauen vom Vaterlande losgerissen und im Osten oder
Westen fremdsprachigen Gebieten angegliedert werden. Das
Lelbstbestimmunzerecht das von Deutschland anerkannt
worden ist, muß selbstverständlich absolut loyal gegenüber
allen Fremdsprachigen durchgeführt werden. Aber als
Herr Ricklin gestern die Erklärung elsaß-lothringischer
Abgeordneter verlas, habe ich — weitere Bemerkungen
will ich mir schenken — an frühere Loyalitätserklärungen
gedacht,
(sehr richtig! rechts)
die von denselben Herren kamen.
(Lebhafte Zustimmung links und rechts.)
Mit Zitaten will ich heute nicht operieren.
Meine Herren, daß die Polen für ihre nationalen
Interessen eintreten, ist begreiflich; daß Männer, die
innerhalb der deutschen Grenzen geboren wurden, von
Deutschland fortstreben, empfinde ich mit tiefstem Schmerz.
(Lebhafte Zustimmung links und rechts.)
Aber Liebe zu Preußen und Deutschland ist leider weder
den Polen noch den dänischsprechenden Nordschleswigern
noch den Elsaß-Lothringern eingepflanzt worden. Das
rächt sich jetzt.
(Sehr richtig! bei den Mehrheitsparteten.)
Die Konservativen waren die letzten, die gestern lärmen
durften. Ihre Gewaltpolitik ließ keine Zuneigung bei
den Fremdsprachigen in Deutschland aufkommen.
(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)
Herr Stychel hat gestern herbe Kritik geübt an Unrecht,
das den Polen zugefügt worden ist. Jetzt soll
Polen auferstehen, und ich kann begreifen, daß die Polen
jubeln. Ich mag als Deutscher mich in polnisches
Denken nicht hineinzusetzen vermögen; aber mir wäre es
billig und recht erschienen, wenn gestern von polnischer
Seite nicht nur Kritik geübt worden wäre, zum Teil sehr
berechtigte Kritik, an Unrecht, das den Polen zugefügt
worden ist, sondern wenn auch ein Wort der Erinnerung
daran gefallen wäre, worauf der Herr Staatssekretär
schon hinwies, daß in volnischer Erde viele Tausende
unserer besten deutschen Soldaten ruhen,
([sehr richtig! rechts und links)
und daß die neue polnische Freiheit in reichlichstem Maße
nicht mit polnischem, sondern mit deutschem Blute gedüngt
worden ist.
(Sehr richtig! links.)
Deutschland hat in diesem Kriege schwer gelitten; aber so
weit sind wir noch nicht, daß deutsche nationale Interessen
leichherzig geopfert werden.
(Stürmischer Beifall links und rechts.)
Herr Stychel glaubte wegen der Polenfrage die
Herren Abgeordneten Haase und Graf Westarp in einen
Topf werfen zu sollen. Dabei hat Herr Haase sich nur
gegen polnische Wünsche ausgesprochen, deren Erfüllung
Aobtrennung Ostpreußens von Deutschland zur Folge
ätte
Herr Stychel gab gestern dem Recht auf Selbstbestimmung
der Nationen eine eigenartige Auslegung.
Abstimmungen will er nur stellenweise zulassen; auch auf
Gebiete, die heute von Deutschland bewohnt werden, erhebt
er Anspruch. Wenn man den Argumentationen des
Herrn Stychel folgen wollte, das Argument etwas ausdehan
dann bedeutet das, daß Amerika den Indianern
gehört, daß Herr Wilson aus dem Weißen Hause auszuwandern
hätte.
(Sehr gut! und Heiterkeit.)
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D)