Full text : Verhandlungen des Reichstags. 314. Band. (314)

Reichstag.  —  195.  Sitzung.  Donnerstag  den  24.  Oktober  1918.

(Noske,  Abgeordneter.)

(A#  den  letzten  Stunden,  weil  sie  glaubten,  daß  Deutschland

ihnen  bald  wehrlos  als  Beute  erliegt.  Das  ist  der  Grund,
daß  mir  die  Reden  und  Erklärungen  von  vier  deutschen
Reichstagsabgeordneten,  die  wir  gehört  haben,  den
gestrigen  Tag  als  den  trübsten  erscheinen  lassen,
(sehr  richtigl  links,  im  Zentrum  und  rechts)
den  wir  bisher  während  dieses  Krieges  erlebt  haben.
(Zustimmung.)

Meine  Herren,  die  Zerstückelung  wird  Deutschland  angedroht.
Selbst  nach  Gebieten  mit  rein  deutscher  Bevölkerung  wird
als  Siegesbeute  geschrieen.

Wir  verkennen  auch  jetzt  nicht,  daß  die  wirtschaftliche
Zukunft  unseres  Landes  und  damit  die  Zukunft  der

deutschen  Arbeiterklasse,  noch  immer  auf  das  ärgste  gefährdet

  erscheint.
(Sehr  richtig!  links  und  rechts.)
Höchste  Not  unseres  Landes  verpflichtet  nicht  dazu,  auf
jede  Kritik  zu  verzichten,  wie  es  zum  Beispiel  italienische
Sozialisten  taten,  als  das  italienische  Heer  am  Isonzo
zusammenbrach.  Aber  ich  bestreite,  daß  das  beinahe
wollüstige  Wühlen  in  den  Wunden  des  Reichs  den  Interessen
  des  Proletariats  dient.
(Lebhaftes  Bravo  links  und  rechts.)

Das  Haus  brennt,  und  der  Herr  Abgeordnete  Haase  hat
nach  meinem  Empfinden  gestern  Ol  ins  Feuer  geschüttet
(sehr  richtigl  bei  den  Sozialdemokraten)
und  dazu  beigetragen,  daß  die  Rettungsmannschaft  einander
in  die  Haare  gerät.  Meine  Fraktion  will,  daß  dem  deutschen
Proletariat  das  Dach  über  dem  Kopfe  erhalten  bleibt.
Ich  teile  die  Auffassung  des  Herrn  Haase,  daß  große
Teile  der  deutschen  Wirtschaft  für  die  Sozialisierung  reif
sind.  Deshalb  wollen  wir  sie  aber  nicht  durch  den  Bürgerkrieg
  erst  zugrunde  richten  und  dann  anfangen,  sie  neu  zu

schaffen,
(sehr  gut!  links  und  rechts)

(3)  sondern  wir  sind  der  Uberzeugung,  daß  die  Kraft  der

deutschen  Arbeiterklasse,  die  reichen  Zuzug  aus  den  Kreisen
der  Angestellten  und  aus  den  Kreisen  des  ruinierten
Mittelstandes  erhalten  wird,  groß  genug  sein  wird,  um
sehr  bald  eine  Mehrheit  in  Deutschland  zu  schaffen,  die
an  einem  organischen,  geordneten  Aufbau  der  sozialistischen
Weltordnung  arbeiten  kann.

(Sehr  richtigl  bei  den  Sozialdemokraten.)
Herr  Haase  und  einzelne  seiner  Freunde  wollen  an  die
Mitarbeit  gehen,  wenn  die  Proletarier  allein  zu  bestimmen
haben.  Ich  wünschte,  daß  eine  solche  Mehrheit  bald  da
wäre.  Aber  man  kommt  diesem  Ziele  nicht  näher,  wenn
man  die  Proletarier  gegeneinander  führt.

(Zustimmung  bei  den  Sozialdemokraten.)
Auf  weitere  Auseinandersetzungen  mit  den  Unabhängigen
will  ich  vorläufig  verzichten.  Ich  bin  der  Überzeugung,
daß  die  Stunde  zu  ernst  ist,  als  daß  man  sich  jetzt  gegenseitig
  hier  auf  der  Tribüne  des  Reichstags  katzbalgen  soll.

(Sehr  richtig!  bei  den  Sozialdemokraten.)

Meine  Herren,  aus  allen  möglichen  Kreisen  der  Bevölkerung

  haben  Berufene,  nach  meinem  Empfinden  noch
mehr  Unberufene  das  deutsche  Volk  gemahnt,  Mut  und
Standhaftigkeit  zu  zeigen.  Soweit  ich  mich  in  der
deutschen  Bevölkerung  umsehen  kann,  erscheinen  mir  solche
Ratschläge  nicht  erforderlich.  Das  deutsche  Volk  verzweifelt
  nicht  an  seiner  Zukunft,  es  ist  auch  keineswegs
durch  die  Vorgänge  der  letzten  Zeit  gebrochen  worden.
Unser  Volk  wird  sein  Schicksal  im  Innern  zu  formen
wissen.  Die  Verfassungsänderungen,  die  zur  Beratung
stehen,  bedeuten,  wie  der  Herr  Bizekanzler  erfreulicherweise
  gestern  mit  Recht  betont  hat,  nicht  einen  Abschluß,
sondern  einen  Beginn  der  großen  innerpolitischen  Umwilzung,
  die  Deutschland  erfahren  muß,  wenn  es  leben
soll.  ir  Sozialdemokraten  werden  uns  angelegen  sein
lassen,  die  jetzt  vorzunehmende  Notstand  saktion,  bei  der

 

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das  dringendste  getan  wird,  rasch  zur  Erledigung  zu  (O)

bringen.

Meine  Herren,  wenn  ein  Verständigungsfriede  oder,
wie  man  sagt,  ein  Friede  des  Rechts  zustande  kommen
soll,  ist  nach  Uberzeugung  meiner  Parteifreunde  erste
Voraussetzung,  daß  nicht  deutsche  Männer  und  deutsche
Frauen  vom  Vaterlande  losgerissen  und  im  Osten  oder
Westen  fremdsprachigen  Gebieten  angegliedert  werden.  Das
Lelbstbestimmunzerecht  das  von  Deutschland  anerkannt
worden  ist,  muß  selbstverständlich  absolut  loyal  gegenüber
allen  Fremdsprachigen  durchgeführt  werden.  Aber  als
Herr  Ricklin  gestern  die  Erklärung  elsaß-lothringischer
Abgeordneter  verlas,  habe  ich  —  weitere  Bemerkungen
will  ich  mir  schenken  —  an  frühere  Loyalitätserklärungen

gedacht,
(sehr  richtig!  rechts)
die  von  denselben  Herren  kamen.
(Lebhafte  Zustimmung  links  und  rechts.)
Mit  Zitaten  will  ich  heute  nicht  operieren.

Meine  Herren,  daß  die  Polen  für  ihre  nationalen
Interessen  eintreten,  ist  begreiflich;  daß  Männer,  die
innerhalb  der  deutschen  Grenzen  geboren  wurden,  von
Deutschland  fortstreben,  empfinde  ich  mit  tiefstem  Schmerz.

(Lebhafte  Zustimmung  links  und  rechts.)
Aber  Liebe  zu  Preußen  und  Deutschland  ist  leider  weder
den  Polen  noch  den  dänischsprechenden  Nordschleswigern
noch  den  Elsaß-Lothringern  eingepflanzt  worden.  Das
rächt  sich  jetzt.

(Sehr  richtig!  bei  den  Mehrheitsparteten.)
Die  Konservativen  waren  die  letzten,  die  gestern  lärmen
durften.  Ihre  Gewaltpolitik  ließ  keine  Zuneigung  bei
den  Fremdsprachigen  in  Deutschland  aufkommen.

(Sehr  richtig!  bei  den  Sozialdemokraten.)

Herr  Stychel  hat  gestern  herbe  Kritik  geübt  an  Unrecht,
  das  den  Polen  zugefügt  worden  ist.  Jetzt  soll
Polen  auferstehen,  und  ich  kann  begreifen,  daß  die  Polen
jubeln.  Ich  mag  als  Deutscher  mich  in  polnisches
Denken  nicht  hineinzusetzen  vermögen;  aber  mir  wäre  es
billig  und  recht  erschienen,  wenn  gestern  von  polnischer
Seite  nicht  nur  Kritik  geübt  worden  wäre,  zum  Teil  sehr
berechtigte  Kritik,  an  Unrecht,  das  den  Polen  zugefügt
worden  ist,  sondern  wenn  auch  ein  Wort  der  Erinnerung
daran  gefallen  wäre,  worauf  der  Herr  Staatssekretär
schon  hinwies,  daß  in  volnischer  Erde  viele  Tausende
unserer  besten  deutschen  Soldaten  ruhen,

([sehr  richtig!  rechts  und  links)
und  daß  die  neue  polnische  Freiheit  in  reichlichstem  Maße
nicht  mit  polnischem,  sondern  mit  deutschem  Blute  gedüngt

worden  ist.
(Sehr  richtig!  links.)
Deutschland  hat  in  diesem  Kriege  schwer  gelitten;  aber  so
weit  sind  wir  noch  nicht,  daß  deutsche  nationale  Interessen
leichherzig  geopfert  werden.
(Stürmischer  Beifall  links  und  rechts.)

Herr  Stychel  glaubte  wegen  der  Polenfrage  die
Herren  Abgeordneten  Haase  und  Graf  Westarp  in  einen
Topf  werfen  zu  sollen.  Dabei  hat  Herr  Haase  sich  nur
gegen  polnische  Wünsche  ausgesprochen,  deren  Erfüllung
Aobtrennung  Ostpreußens  von  Deutschland  zur  Folge

ätte

Herr  Stychel  gab  gestern  dem  Recht  auf  Selbstbestimmung
  der  Nationen  eine  eigenartige  Auslegung.
Abstimmungen  will  er  nur  stellenweise  zulassen;  auch  auf
Gebiete,  die  heute  von  Deutschland  bewohnt  werden,  erhebt
  er  Anspruch.  Wenn  man  den  Argumentationen  des
Herrn  Stychel  folgen  wollte,  das  Argument  etwas  ausdehan
  dann  bedeutet  das,  daß  Amerika  den  Indianern
gehört,  daß  Herr  Wilson  aus  dem  Weißen  Hause  auszuwandern
  hätte.

(Sehr  gut!  und  Heiterkeit.)

—

D)