Metadata : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Erster Teil. Bis zum zweiten Pariser Frieden. (24)

Erster  Abschnitt.

Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

Die  deutsche  Nation  ist  trotz  ihrer  alten  Geschichte  das  jüngste  unter
den  großen  Völkern  Westeuropas.  Zweimal  ward  ihr  ein  Zeitalter  der
Jugend  beschieden,  zweimal  der  Kampf  um  die  Grundlagen  staatlicher
Macht  und  freier  Gesittung.  Sie  schuf  sich  vor  einem  Jahrtausend  das
stolzeste  Königthum  der  Germanen  und  mußte  acht  Jahrhunderte  nachher
den  Bau  ihres  Staates  auf  völlig  verändertem  Boden  von  Neuem  be—
ginnen,  um  erst  in  unsern  Tagen  als  geeinte  Macht  wieder  einzutreten
in  die  Reihe  der  Völker.

Sie  hatte  einst  in  überschwellendem  Thatendrang  die  Kaiserkrone  der
Christenheit  mit  der  ihren  verbunden,  ihr  Leben  ausgeschmückt  mit  allen
Reizen  ritterlicher  Kunst  und  Bildung,  Ungeheures  gewagt  und  geopfert
um  die  Führerschaft  des  Abendlandes  zu  behaupten.  In  den  weltum—
spannenden  Kämpfen  ihrer  großen  Kaiser  ging  die  Macht  der  deutschen
Monarchie  zu  Grunde.  Auf  den  Trümmern  des  alten  Königthums  erhebt
sich  sodann  eine  junge  Welt  territorialer  Gewalten:  geistliche  und  weltliche
Fürsten,  Reichsstädte,  Grafen  und  Ritter,  ein  formloses  Gewirr  unfertiger
Staatsgebilde,  voll  wunderbarer  Lebenskraft.  Mitten  im  Niedergange  der
kaiserlichen  Herrlichkeit  vollführen  die  Fürsten  Niedersachsens,  die  Ritter
des  deutschen  Ordens  und  die  Bürger  der  Hansa  mit  Schwert  und  Pflug
die  größte  Colonisation,  welche  die  Welt  seit  den  Tagen  der  Römer  ge—
sehen:  die  Lande  zwischen  Elbe  und  Memel  werden  erobert  und  besiedelt,
die  skandinavischen  und  die  slavischen  Völker  auf  Jahrhunderte  hinaus
deutschem  Handel,  deutscher  Bildung  unterworfen.  Aber  Fürsten  und
Adel,  Bürgerthum  und  Bauerschaften  gehen  jeder  seines  eigenen  Weges;
der  Haß  der  Stände  vereitelt  alle  Versuche,  diese  Ueberfülle  schöpferischer
Volkskräfte  politisch  zu  ordnen,  die  zerfallende  Staatseinheit  in  bündischen
Formen  wieder  aufzurichten.

Dann  hat  Martin  Luther  nochmals  begeisterte  Männer  aus  allen

Stämmen  des  zersplitterten  Volkes  zu  großem  Wirken  vereinigt.  Der
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