Preußen und Frankreich. 451
Paris abwechselungsvoll zu gestalten. So wurden die Herrscher bald
den Parisern bekannt. Allein während die Bevölkerung dem König
Wilhelm gegenüber niemals die geziemende Ehrfurcht aus den Augen
setzte, war der Kaiser von Rußland wiederholt frechen Beleidigungen
ausgesetzt. Nicht genug, daß von Polen und Polenfreunden ihm mebr—
mals ein unverschämtes „Vive la Pologne!“ zugerufen wurde, so ertönte
auch, wenn er vorüberfuhr, wiederholt der Ruf „à bas Alexandre!“, der
nur durch massenhafte Verhaftungen zum Schweigen gebracht werden
konnte. Das schrecklichste aber war, daß sogar ein Mordversuch gegen
den Kaiser Alexander unternommen wurde. Als die Monarchen von der
großen Truppenrevue im Boulogner
Gehölz zurückkehrten — im ersten
Wagen die beiden Kaiser, im zwei—
ten König Wilhelm mit der französischen
Kaiserin — gab ein junger
Dole, Bereczowsky mit Tamen, mit
dem Rufe: „Vive la Polognel“ aus
geringer Entfernung einen Oistolenschuß
auf den russischen Kaiser ab.
Das Histol indessen, mit gehacktem
Blei geladen, zersprang bei dem
Schusse, riß dem Thäter die Hälfte
der Hand weg und verwundete, ohne
die beiden Kaiser zu verletzen, eine
zufällig in der Nähe stehbende Frau
aus dem Dolke. „Sire“, sagte Na—
poleon, „wir sind zusammen im
Feuer gewesen!“ Ruhig erwiderte
Alexander: „Unsere Geschicke ruhen in den Ränden der Dorsehung.“ Auf
das tiefste bewegte die Gefahr, in der sein von ihm sehr hoch geschätzter
Neffe geschwebt hatte, das teilnehmende Berz König Wilhelms; er
sprach der Kaiserin den Wunsch aus, direkt in die Tuilerien zurückzukehren.
Und jetzt waren auch die Hariser taktvoll genug, den Kaiser
Alexander, als er einige Stunden später im offenen Wagen nach dem
Grand Hotel fuhr, seine Schwester, die Großberzogin Marie, zu beruhigen,
mit lebhaften Hochrufen zu begrüßen; ja viele erleuchteten
am Abend, um ihre Freude über die Errettung des Zaren kundzugeben,
festlich die Fenster. Am Worgen des nächsten Tages wurde in der
Kapelle der russischen Botschaft ein Tedeum gehalten, dem auch König
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Prinz Wilhelm (Kaiser Wilhelm II., 1869).