Full text : Deutsche Geschichte. Zweiter Band. (2)

396  17.  Sulirevolution  und  ihre  Wirkung  in  Deutjchland.  Friedrid)  Wilhelm  IV.

Souriers  und  des  neuen  Evangeliums  des  St.  Simonismus,  endlich
den  Krieg  und  Sieg  in  Afrika  gegen  den  Emir  Abd  el  Kader,  fo
begreift  man,  wie  dieje  ganze  bewegte  Szenerie  in  dem  politisch
jtillen  Deutjchland  mit  Neugier  und  Spannung  verfolgt  wurde.  Aber
die  Zage  blieb  friedlich  und  erjt  im  Sahre  1839  bewölfte  fich  der
Himmel  wieder  etwas  durch  das  Neuauftauchen  der  orientalischen
Stage,  welche  Deutichland  doch  nicht  unmittelbar  berührte.  Die  Zu-Itande
  hier  waren  im  ganzen  verheißungsvoll:  die  fünfundzwanzig
Friedenzjahre  Hatten  ihr  Werf  getan,  überall  verbreitete  jich  wachjender
  Wohlftand,  wachjende  Bildung,  Fortichritt,  aß  am  7.  Suni
1840  zu  Berlin  der  einundfiebzigjährige  König  Friedrich  Wilhelm  LI
von  Preußen,  der  lebte  der  Monarchen  der  heiligen  Allianz,  ftarb.
Bol  neuer  Hoffnungen  wandten  alle  Blicke  fich  auf  feinen  Nachfolger,
  den  älteften  jeiner  drei  Söhne,  Friedrih  Wilhelm  IV,
der  jchon  bis  dahın  die  Aufmerkfamfeit  lebhaft  bejchäftigt  Hatte.

Sriedvrih  Wilhelm  IV,  der  jet  mit  fünfundvierzig  Sahren
an  die  wichtigfte  Stelle  in  Deutichland  trat,  war  von  ganz  andrer
Art  als  fein  Vater.  Diefer,  nur  mittelmäßig  begabt,  aber  pflichttreu,
  fleißig,  gerade  und,  wo  nicht  fremder  Einfluß  ihn,  Den
Scheuen  und  der  eigenen  Einficht  Miftrauenden  beftimmte,  aud)
gerecht  und  von  gefunden  Urteil,  Hatte  jein  Volf,  wie  ein  Vater
jeine  Familie,  wohlmeinend,  für  fich  felbjt  anfpruchslos,  in  wirt-Ihaftlichen
  Dingen  einfichtig  regiert  und  feinen  Staat  aus  jchweriter
Not  und  Gefahr  glücdlich  wieder  zu  Anfehen  und  WoHlitand
emporgeführt:  Friedrich)  Wilhelm  IV  war  nad)  mehr  al3  einer
Seite  Hin  reich  begabt,  ja  genial  zu  nennen  und  was_ein  recht-Ichaffenes
  Samilienleben,  treffliche  Lehrer,  eine  Umgebung  von  vielen
erniten,  charaftervollen  und  bedeutenden  Männern  tun  fann,  um
einen  Mann  zu  bilden,  war  ihm  zuteil  geworden,  Auch  Hatte  er
in  Wahrheit  ein  jehr  reiches  Wiffen  fich  angeeignet  und  fich  daraus
mit  Geift  ein  Syitem  von  odeen  und  Sdealen  gezogen,  das  auf
fein  eigenes  und  anderer  2eben  jtet3  anregend  wirkte.  Dabei  aber
fehlte  ıfm  die  Fähigkeit,  aus  dem  verwirrenden  DVielerlei  des  ihn
umgebenden  Leben  zu  den  einfachen  Gedanken  und  Empfindungen