Volltext : Unser Preußen.

7.  Erhebung  Preußens  zu  einem  Verfassungsstaate  unter  Friedrich  Wilhelm  IV.  241

wegzuräumen  und  ihm  vertrauensvoll  ihre  Wünsche  vorzutragen,  dann  sollten
die  Truppen  sofort  Straßen  und  Plätze  verlassen.  Die  Volksführer  beantworteten
  diese  Ansprache  mit  Hohn;  dagegen  betenerte  eine  Abordnung  Berliner
  Bürger,  die  Ruhe  würde  von  ihnen  sogleich  wieder  hergestellt  werden,
sobald  das  Militär  zurückgezogen  würde.  Nach  langem  Sträuben  gab  der
König  trotz  des  entschiedenen  Widerspruchs  seines  Bruders  Wilhelm  und  des
kommandierenden  Generals  den  Befehl,  die  Truppen  zurückzuziehen,  erließ
eine  allgemeine  Amnestie,  genehmigte  die  Bildung  einer  Bürgerwehr  und  berief
ein  freisinniges  Ministerium.  Die  abziehenden  Truppen  wurden  von  bewaffneten
  Volkshaufen  begleitet  und  verhöhnt,  sogar  in  ihren  zerstreut  liegenden
Kasernen  ernstlich  bedroht;  deshalb  führte  ihr  Befehlshaber  sie  ganz  aus  der
Stadt  hinweg.  Mit  verhüllten  Fahnen,  stumm  und  unzufrieden,  aber  treu,
so  zogen  sie  ab.  Damit  war  in  Berlin  die  Revolution  zur  Herrschaft  gelangt.
  Der  König  stand  jetzt  unter  dem  Schutze  der  Bürgerwehr,  Prinz
Wilhelm  aber,  dem  man  mit  Unrecht  Schuld  gab,  am  18.  den  Befehl  zum
Blutvergießen  gegeben  zu  haben,  mußte  seiner  eigenen  Sicherheit  halber  Berlin
verlassen  und  sich  eine  Zeitlang  in  England  aufhalten;  sein  Schloß  wurde
nur  durch  die  Aufschrift  „Nationaleigentum“  gerettet.  Schon  am  19.  wurden
die  Leichen  der  187  gefallenen  Barrikadenhelden  wie  zur  Parade  vor  das
Schloß  getragen;  dennoch  erließ  der  König  (am  21.)  eine  neue  Ansprache  „An
mein  Volk  und  an  die  deutsche  Nation“,  worin  er  beteuerte:  „Preußen  geht
fortan  in  Deutschland  auf“;  Deutschlands  Heil  liege  in  der  innigen  Vereinigung
seiner  Fürsten  und  Völker  unter  einer  Führung,  und  diese  übernehme  er.
An  demselben  Tage  ritt  er  dann,  von  Ministern,  Generalen,  Bürgern  und
Studenten  umgeben,  alle  mit  schwarz-rot-goldenen  Binden  geschmückt,  durch
die  Straßen  und  verkündete  dem  Volke  in  mehreren  Ansprachen  die  neue
Zeit.  Am  folgenden  Tage  wurden  die  gefallenen  Barrikadenkämpfer  mit  großem
Aufwand  bestattet;  während  die  Leichen  am  Schlosse  vorübergetragen  wurden,
stand  der  König  mit  entblößtem  Haupte  auf  dem  Balkon.

In  Berlin  wurde  das  gewöhnliche  Volk  immer  mehr  gegen  die  Regierung
  und  selbst  gegen  die  Bürger  aufgehetzt.  Diese  Aufregung  benutzten
die  Polen  in  Posen  zu  einem  Aufstande,  und  sie  wurden  dabei  von  Deutschen
selber  unterstützt,  welche  glaubten,  durch  die  Errichtung  einer  polnischen  Republik
  das  alte  Unrecht  der  Polenteilungen  zu  fühnen  und  sich  dadurch  einen
dankbaren  Nachbarstaat  zu  schaffen.  Der  König  ließ  sofort  bedentende  Truppenmassen
  in  Posen  einrücken  und  stellte  die  Ruhe  bald  wieder  her.  Am  22.  Mai
trat  in  Berlin  die  aus  freien  Wahlen  hervorgegangene  Preußische  Nationalversammlung
  zusammen.  Sic  verwarf  den  von  der  Regierung  ihr  vorgelegten
  Gesetzentwurf,  da  sie  dem  Volke  die  Herrschaft  übergeben,  den  König
aber  zu  einem  gehorsamen  Beamten  herabdrücken  wollte;  auch  die  zur  Wiederherstellung
  der  Ordnung  vorgeschlagenen  Maßregeln  billigte  sie  nicht,  so  daß
der  Pöbel  seine  Herrschaft  ungestört  fortsetzen  durfte.  Er  plünderte  das  Zeughaus,
  wobei  die  ehrwürdigen  Zeichen  preußischen  Ruhms  teils  entwendet,  teils
beschimpft  wurden;  er  lieferte  der  Bürgerwehr  förmliche  Gefechte  und  bedrohte
die  Nationalversammlung,  um  sie  zu  einem  demokratischen  Entschlusse  zu  zwingen.
Da  beschloß  der  König,  Gewalt  zu  gebrauchen.  Er  berief  auf  Veranlassung

Hoffmeyer,  Unser  Preußen.  16