326 Dritter Zeitraum.
selber sah sich nur als Gottes Werkzeug an, von eigenem Verdienst ist
nie die Rede; wie dankbar rühmt er dagegen die Verdienste seiner großen
Gehilfen! Trotz seiner Milde fehlte es ihm nicht an der Festigkeit des
Willens. Nie lieh er Günstlingen sein Ohr, seine bewährten Diener aber
schützte er in ihren Amtern gegen jeden Angriff.
Reich gesegnet war der Kaiser auch in seiner Familie. Er konnte das
Fest der goldenen Hochzeit feiern, sein Sohn und Thronfolger, Kronprinz
Friedrich Wilhelm, war von blühenden Kindern umgeben. Eine große Freude
war es dem Kaiser, als sein ältester Enkel, Prinz Wilhelm, sich am
27. Februar 1881 mit der Prinzessin Auguste Viktoria von Schleswig-Holstein
vermählte, und als diesem Fürstenpaare am 6. Mai 1882 der erste
Sohn geboren wurde, da brach der kaiserliche Urgroßvater in die Worte aus:
„Hurra, vier Könige!“ Den neunzigsten Geburtstag des allbeliebten Herrschers
feierte auch der geringste Arbeiter. Doch bald nach diesem Tage erkrankte der
Kronprinz an einem unheilbaren Halsleiden. Alle Kunst der Arzte, auch das
Sac 2
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Letzte Unterschrift Kaiser Wilhelms.
milde Klima des Südens vermochte nicht zu helfen. Dazu starb plötzlich ein
hoffnungsvoller Enkel des Kaisers, Prinz Ludwig von Baden. Diese Schläge
waren zu hart für den Greis. Seine Lebenskräfte begannen zu versiegen;
eine leichte Erkältung warf ihn aufs Krankenlager, das er selber als sein
Sterbebett bezeichnete. Wie ein gewissenhafter Hausvater und frommer Christ
bereitete er sich auf den Tod vor, sprach mit dem Fürsten Bismarck über
die politische Lage Europas, erteilte seinem Enkel weise Ratschläge, und als
seine Tochter ihn fragte, ob er denn nicht müde werde, erwiderte er: „Ich
habe jetzt keine Zeit, müde zu sein.“ Noch am Tage vor seinem Tode
unterschrieb er eine Verordnung über den Schluß des Reichstages. Fürst
Bismarck bat ihn, er möge nur den Anfangsbuchstaben seines Namens schreiben;
der gewissenhafte Herrscher unterschrieb aber, wenn auch mit äußerster Kraftanstrengung,
seinen vollen Namen. Es war seine letzte Unterschrift. Der
Oberhofprediger D. Kögel tröstete den Sterbenden mit passenden Bibelsprüchen;
als die Frau Großherzogin Luise von Baden nach Verlesung von Luk. 2, 29
ihn fragte: „Vater, hast Du es auch verstanden?“" erwiderte er: „Ja“,
wiederholte die Worte: „meine Augen haben deinen Heiland gesehen“ und
fügte hinzu: „Er hat mir in seinem Namen geholfen.“ Die Kaiserin saß