Full text : Staats-Lexikon.

Wenn  also  der  konservative  Sozialismus  Stöckers  auch  nicht  zur
Entfaltung  kommen  konnte,  da  er  zu  einer  geschichtlich  ungeeigneten  Seit
auftrat,  so  hat  er  der  weiteren  Entwickelung  doch  insofern  wesentliche
Dienste  geleistet,  als  durch  den  Derlauf  der  Stöckerschen  Agitation  die
Möglichkeit,  staatserhaltende  Holitik  und  religiöse  Gesinnung  mit  Arbeiter.
freundlichkeit  zu  verbinden,  weiten  Kreisen  klar  geworden  ist.  Der  Derfasser
  dieses  Zuches  ist  bei  weitem  nicht  der  einzige,  für  den  Stäöcker  den
Weg  zum  freiheitlichen,  vaterländischen  Sozialismus  frei  gemacht  hat.
In  einem  Hunkt  trennte  sich  Stöckers  und  unsere  Arbeit:  er  blieb  konserwativ,
  wir  wurden  antikonservativ  und  werden  und  müssen  es  bleiben
in  der  sicheren  Erkenntnis,  daß  es  für  die  Gesamtzukunft  des  Daterlandes
und  für  die  GSukunft  der  Arbeiterbewegung  im  speziellen  nichts  Schwereres,
aber  auch  Mötigeres  und  Wichtigeres  gibt,  als  den  Bruch  der  Vorherrschaft
  der  alten  Herrenschicht  im  preußischen  Osten.

III.  Die  industrielle  Aristokratie.

Der  Ausdruck  „„ndustrielle  Aristokratie“  ist  für  das,  wovon  wir  jetzt
reden  wollen,  etwas  zu  eng,  aber  er  ist  doch  besser  als  der  andere  „kapitalistische
  Aristokratie“",  da  er  genauer  das  Enrtstehungsgebiet  der  neuen
aristokratischen  Gesellschaft  bezeichnet.  Einzelne  lapitalisten,  Armeelieferanten,
  Staatsbankiers,  Derkehrsunternehmer  usw.,  die  geadelt  und
damit  aristokratisch  gemacht  wurden,  hat  es  immer  gegeben,  sie  aber  bilden
keine  neue  Aristokratie,  sondern  nur  eine  bisweilen  fragwürdige  Bereicherung
der  alten.  Auch  hatte  schon  das  Bürgertum  der  vergangenen  Jahrhunderte
  seine  patrizischen  Geschlechter,  edlen  Däuser  u.  dgl.,  aber  auch
diese  Adelselemente  der  älteren  Stadtkultur  waren  nicht  stark  genug,  dem
Agraradel  eine  gleich  starke  Kraft  entgegenzusetzen.  Erst  mit  der  modernen
Industrie  sties  ein  neues,  in  sich  einheitliches  Herrenvolk  herauf:  das
Großunternehmertum.  Es  bildet  den  lkern  einer  neuen  wirtschaftspolitischen
  Dolksgestaltung,  an  den  sich  finanzielle,  kommerzielle,  technische
Größen  anschließen.  Ein  neues  Macht=  und  Willenszentrum  ist  vorhanden,
  teilweis  noch  unverstanden,  politisch  noch  unbeholfen,  aber  von
großer  Entwickelungsfähigkeit  und  Sukunft.