Full text : Die Geschichte Württembergs.

234  IV.  Württemberg  als  Königreich.

Nation,  daß  das  plötzliche  Herandringen  der  französischen  Armeen,  der  „Elan“,
die  fremdartigen  und  abenteuerlichen,  fast  schreckhaften  Erscheinungen  der  afrikanischen
  Regimenter,  die  Wirkung  des  Chassepot  und  der  Mitrailleuse,  verbunden
mit  einer  umsichtigen  Leitung  durch  Generale  von  Ruf  und  Namen  der  französischen
  Armee  zu  schnellen  Siegen  verhelfen  werde.

An  die  Möglichkeit  einer  Niederlage  dachte  niemand  in  Frankreich;  jedermann
  war  des  Siegs  gewiß.  Man  bedurfte  nur  noch  des  erwünschten  Anlasses
zum  Krieg.  Da  er  nicht  gegeben  war,  so  wurde  er  vom  Zaun  gerissen.

Die  spanischen  Kortes  hatten  den  Prinzen  Leopold  von  Hohenzollern,
  den  Bruder  des  Fürsten  Karl  von  Rumänien,  auf  ihren  Königsthron
  berufen.  Der  Prinz  theilte  dieses  Anerbteten  dem  König  von  Preußen,
als  dem  Chef  des  Gesammthauses  von  Hohenzollern  und  als  dem  Kriegsherrn  des
preußischen  Obersten,  der  Leopold  war,  mit.  In  Frankreich  zeigte  sich  sogleich
große  Unzufriedenheit  über  die  Wahl  Leopolds,  man  wollte  darin  eine  Vergrößerung
  der  hohenzollernschen  Macht  sehen,  obgleich  der  Prinz  vlel  näher  mit
Napoleon  als  mit  dem  preußischen  Königshause  verwandt  war.  Das  Volk  wurde
durch  die  Presse  und  durch  Agenten  systematisch  aufgewiegelt,  der  Herzog  von
Gramont  und  Ollilvier  schürten  das  Feuer,  und  Napoleon  —  sah  hinter  den
Coulilssen  dem  teuflischen  Treiben  zu,  durch  welches  zwei  Nachbarvölker  in  einen
blutigen,  folgeschweren  Krieg  gehetzt  wurden.  In  Deutschland  blieb  man  ruhig;
der  König,  Bismarck,  Moltke  und  Roon  waren  in  Bädern  oder  auf  Landgütern;
man  konnte  nicht  glauben,  daß  die  französische  Regierung  in  einer  Angelegenheit,
welche  Deutschland  nicht  betraf,  eine  Kriegsfrage  stellen  würde.  Als  sich  aber
das  französische  Kabinet  immer  schwieriger  zeigte,  lehnte  Prinz  Leopold  die  spanische
  Krone  ab,  „fest  entschlossen,  eine  untergeordnete  Familienfrage  nicht  zum
Vorwande  für  den  Krieg  heranreifen  zu  lassen"“.  Wohl  standen  die  Chauvinisten
verblüfft  vor  dieser  Nachricht,  die  ihnen  auch  den  geringsten  Vorwand  zu  einem
Krieg  nahm.  Aber  sie  waren  nicht  verlegen;  sie  wollten  den  Krieg.  Der
Herzog  von  Gramont  sagte  dem  preußischen  Gesandten,  Baron  Werther,  daß  der
einzige  Weg  zur  Erhaltung  des  Friedens  ein  Brief  des  Königs  an  den  Kaiser
sei.  In  diesem  Briefe  sollte  etwa  gesagt  sein,  „wie  der  König  bei  Erthellung
der  Erlaubniß  zur  Annahme  der  spanischen  Krone  seltens  des  Prinzen  durchaus
nicht  die  Interessen  Frankreichs  noch  dessen  Würde  zu  schädigen  geglaubt  habe,
wie  er  sich  der  Entsagung  des  Prinzen  mit  dem  Wunsche  anschließe,  daß  hinfort
jeder  Schatten  zwischen  den  beiden  Regierungen  entschwunden  sein  möge“.  Zugleich
  mußte  der  französische  Botschafter,  Benedetti,  eine  ähnliche  unverschämte
Forderung  persönlich  an  den  König  stellen;  dieser  verweigerte  ihm  jedoch  jede
weltere  Audienz.  Darin  sah  die  französische  Regierung  eine  tiefe  Beleidigung;
der  Kammer  wurde  die  Entwicklung  der  ganzen  Angelegenheit  ganz  entstellt  und
erlogen  vorgetragen.  Alles  verlangte  den  Krieg;  nur  wenige,  unter  ihnen  Thiers
und  Jules  Favre,  stimmten  dagegen.  Ueberall,  namentlich  in  Paris,  war  unbegrenzte
  Freude  auf  die  „Promenade  à  Berlin“.  Katserin  Eugenie  jauchzte:
„enfin  ’ai  ma  petite  guerre,  qui  sera  glorieuse  ““  Am  15.  Juli  1870  ward
der  Krieg  in  Paris  beschlossen,  am  19.  Juli  die  Kriegserklärung  in  Berlin  abegeben.


In  Deutschland  hörte  man  keinen  wilden  Jubel;  der  meisten  Herzen
zitterten,  denn  mit  Frankreichs  Fahnen  waren  Ruhm  und  Sieg  längst  innig  ver-