Full text : Die Hohenzollern und das Reich. Band 3. (3)

zuhalten,  um  ihm  höhere  Achtung  vor  dem  Orden  einzuflößen  und  Gehorsam
gegen  dessen  Gebote  beizubringen,  bevor  sie  seinem  Wunsche  nach  Anfnahme  in
den  Orden  willfahrten.  „Auf  sein  Verlangen  und  nach  reiflicher  Überlegung“
wurde  der  Prinz  endlich  (am  5.  April  1781)  mit  dem  Ordensnamen  Ormesus
in  den  Orden  der  Rosenkrenzer  aufgenommen.

„Aus  Sinnlichkeit  mit  Mystik  verbunden,“  sagt  Schlosser,  „können  so  feine
Netze  gesponnen  werden,  daß  sie  für  schwache  Gemüter  unzerreißbar  sind.“
Bischoffswerder  und  Konsorten  waren  wenig  bedenklich  in  der  Wahl  ihrer  Mittel,
um  ihren  Einfluß  auf  den  allzu  vertrauensvollen  neuen  Ordensbruder  zu  befestigen
  und  zu  verstärken.  In  Wöllners  Behausung  —  bei  der  damaligen  Sternwarte,
  die  sich  im  Hintergebäude  der  Akademie  in  der  „Letzten  Straße“  (jetzt
„Mittelstraße“  genannt)  befand  —  wurde  eine  förmliche  Schaubühne  der  Geisterseherei
  eingerichtet,  wo  man  unter  anderen  die  Geister  Cäsars,  des  römischen
Kaisers  Mark  Aurel,  des  Großen  Kurfürsten  und  des  Philosophen  Leibnitz  zitierte.

Das  Gemach  füllte  sich  mit  einem  sinnebetäubenden  Duft,  die  nervenergreifenden
  Töne  eines  damals  erst  neu  erfundenen  Instruments  —  heute  als
Glasharmonika  in  Kinderhänden  viel  gesehen  —  durchzitterten  den  stillen,  dunkeln
Raum,  der  verborgene  Obere,  dem  Ormesus  die  Namen  der  Geister  nannte,
die  er  zu  sehen  wünschte,  sprach  mit  dumpfer  Stimme  die  Beschwörungsformel,
und  die  Schatten  der  Abgeschiedenen  tauchten  aus  Wolken  vor  den  Angen  des
in  unheimlichem  Granen  erbebenden  Prinzen  auf.

Die  Rollen  der  Geister  übernahm  gewöhnlich  ein  Sachse  Steinert,  der,  längst
mit  Bischoffswerder  vertrant,  in  der  Physiognomik,  Mimik  und  der  Bauchredekunst
sehr  geschickt  war.  Das  passende  Kostüm  nebst  Perücken  ꝛc.  fand  er  in  einem  Nebengemach.
  Nachdem  die  Beschwörungsformel  gesprochen  war,  stellte  sich  der  Mime
vor  einen  Hohlspiegel  so,  daß  sein  Bild,  in  einem  anderen  Spiegel  aufgefangen,
auf  den  im  dunkeln  Gemach  erzeugten  Dampfwolken  reflektierte.  Es  war  nichts
anderes  als  das  Zauberspiel  einer  Laterna  magica,  mit  welchem  heutzutage
Kinder  sich  zu  belustigen  pflegen.  Ofters  wurden  die  Rollen  der  Schatten  auch,
wenn  sie  sich  dafür  eigneten,  von  hübschen  jungen  Mädchen  übernommen.  Diese
Geistergankelei,  verbunden  mit  der  schlanesten  Anskundung  der  geheimsten  Herzenswünsche
  des  Prinzen,  diente  dazu,  ihn  immer  mehr  an  Bischoffswerder  und
Wöllner  zu  fesseln.  Vorhersagungen  und  Ratschläge  aus  dem  Munde  geheimnisvoller
  Schatten  waren  natürlich  viel  wirksamer  als  aus  dem  sterblicher  Menschen.

Geschah  cs,  um  den  Gehorsam  des  neu  aufgenommenen  Ordensbruders
Ormesus  auf  die  erste  Probe  zu  stellen,  oder  um  sich  einen  desto  größeren  Einfluß
  auf  ihn  zu  sichern,  kurz,  die  unbekannten  Oberen  forderten  von  ihm  die
Entfernung  der  Wilhelmine  Enke,  oder  vielmehr  der  Frau  Rietz,  wie  die
Tochter  des  Musikers  Enke  genannt  wurde,  nachdem  sie,  um  das  Verhältnis
des  Prinzen  zu  ihr  zu  verdecken,  einen  prinzlichen  Kammerdiener,  Namens  Rietz,