Metadata : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

Dentshes  Reih.  (Februar  14.  -  17.)  121

rechtigkeit  verlangt,  daß  auch  in  Preußen  das  allgemeine,  gleiche  und  geheime
  Wahlrecht  für  Männer  und  für  Frauen  eingeführt  wird.  Nicht  durch
Versprechungen  und  Wohlwollen  wird  das  Volk  seine  Rechte  erhalten.
Damit  wollen  Sie  das  Volk  nur  hinhalten  über  die  Stunde  Ihrer  Gefahr.
Nein,  das  Bolk  muß  sich  seine  Rechte  erkämpfen.  Wir  verlangen  die  sojortige
  Durchführung  der  politischen  Gleichberechtigung.  Kommt  sie  nicht,
so  werden  wir  sie  erzwingen  gegen  unsere  Feinde  im  eigenen  Lande.

Abg.  Lippmann  (Fortschr.  Vp.):  Von  unserem  Friedensangebot  und
der  Ablehnung  der  Entente  scheint  der  Vorredner  nichts  zu  wissen.  Angesichts
  dieser  Situation  zu  sagen,  wir  könnten  den  Frieden  haben,  wenn
wir  wollten,  zeugt  von  einer  eigenartigen  geistigen  Verfassung.  (Lebh.
Zustimmung.)  In  der  Lebensmittelfrage  ist  die  schärfste  Bekämpfung  des
Kriegswuchers  notwendig,  der  die  moralische  Widerstandsfähigkeit  des  Volkes
bricht.  Die  Polizei  scheint  freilich  andere  Aufgaben  zu  haben.  Ich  erinnere
an  die  Bekanntmachung  über  die  Regelung  des  Straßenverkehrs  in  Berlin,
die  1620  Zeilen  umfaßt.  Im  Ausschuß  habe  ich  gefragt,  ob  über  Personen
jüdischen  Glaubens,  die  nach  Berlin  zuziehen,  eine  besondere  Liste  beim
Einwohneramt  geführt  wird.  Ich  wiederhole  die  Frage  in  aller  Oeffentlichkeit.
  Der  neue  preußische  Staatskommissar  für  Ernährungsfragen  muß
unabhängig  von  den  Ministerien  arbeiten  können,  denn  die  Bemühungen
des  Kriegsernährungsamtes  sind  offenbar  vielfach  am  Widerspruch  des
preußischen  Landwirtschaftsministers  gescheitert.  Wir  verlangen,  daß  das
Programm  des  Reichskanzlers:  freie  Bahn  jedem  Tüchtigen,  bei  der  Besetzung
  der  Aemter  baldmöglichst  in  die  Praxis  umgesetzt  wird.  Mit  dem
Versprechen  einer  besseren  Zukunft  hat  der  Minister  zugleich  das  unbedingte
Lob  einer  schlechten  Vergangenheit  verkündet.  (Unruhe  rechts.)  Ich  meine
damit  die  Verfolgungssucht  gegen  Parteien  und  nationale  Bruchteile  des
Volkes.  Wenn  etwas  unserem  Vaterlande  heilsam  war,  so  nicht  jener  Geist
der  Verfolgung  und  Verhetzung,  sondern  der  Geist  der  Einigkeit  vom.
4.  Aug.  1914.  Dieser  Geist  hat  sich  erneut  bei  der  Friedensbotschaft  von
1916.  Diesen  neuen,  edleren  und  menschlicheren  Geist  wollen  wir  uns  erhalten:
  zum  Kampfe  entschlossen,  zum  Frieden  bereit.  Die  Hauptsache
bei  der  Neuorientierung  wird  die  Aenderung  des  preußischen  Wahlrechts
sein.  Unsere  Brüder  draußen  haben  bewiesen,  daß  sie  das  vollste  Gefühl
für  die  Verantwortung  jedes  Staatsbürgers  bis  zum  äußersten  haben.  Der
preußische  Wahlspruch  Suum  cuique  heißt  nicht:  jedem  sein  Vorrecht,  sondern
  jedem  sein  Recht.  Alle  Vorschläge,  die  Stimmen  zu  wägen  nach  dem
Geldbeutel  oder  dem  Grundbesitz,  sind  nur  aus  dem  Bestreben  geboren,
die  Macht,  die  man  hat,  sich  zu  erhalten.  Heil  dem  Staatsmann,  der  endlich
  das  gleiche  Recht  für  das  preußische  Volk  schafft,  er  wird  damit  den
Thron  befestigen,  das  preußische  Volk  verjüngen  und  erhöhen!

Minister  v.  Loebell:  Das  Verhältnis  zwischen  Herrn  v.  Batocki  und
Herrn  v.  Schorlemer  ist  persönlich  und  sachlich  ein  sehr  gutes.  Der  Landwirtschaftsminister
  hat  häufig  unter  Zurücksetzung  seiner  eigenen  Ansichten
dem  Kriegsernährungsamt  die  Wege  zu  ebnen  versucht.  Im  übrigen  habe
ich  die  Ausführungen  des  Vorredners  auf  politischem  Gebiete  zum  Teil
bedauert.  Das  gute  Verhältnis  zwischen  den  Parteien  werden  sie  nicht
jördern.  In  jetziger  Zeit  sollte  es  nicht  darum  gehen,  alte  Streitigkeiten
auszutragen,  es  geht  um  die  Ehre  und  Zukunft  des  Vaterlandes,  und  da
wollen  wir  nach  Möglichkeit  zusammenstehen.

Abg.  v.  d.  Osten  (Kons.):  Der  Abg.  Paul  Hoffmann  vergißt  über
Einzefällen  die  großen  Zusammenhänge.  Kein  Licht  ohne  Schatten,  das
gilt  auch  für  Preußens  Vergangenheit.  Aber  jetzt  sollte  man  nicht  den
Schatten  suchen,  wie  der  Abg.  Lippmann,  sondern  erkennen,  wie  himmel-