Contents : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

Beuisches  Keich.  (Februar  20.—22.)  145

wille  der  deutschen  Regierung  schon  vor  dem  Kriege  in  Mißkredit  gekommen
it,  dann  durch  diese  Art  von  Weltpolitik,  wie  sie  von  der  kleinen,  aber  sehr
eintußreichen  Gruppe  der  Herren  um  Herrn  Dr.  Beumer  betrieben  wird.
]Eie  kann  sich  Herr  Dr.  Beumer  herausnehmen,  zu  behaupten,  er  spräche
als  Anwalt  der  großen  Mehrheit  des  deutschen  Volkes,  wenn  er  eine  solche
Annexionsrede  hält  und  solche  Angriffe  gegen  die  offizielle  friedensfreundliche
  Reichspolitik  richtet.  Wenn  die  Anschauungen,  die  Herr  Dr.  Beumer
hier  entwickelt  hat,  die  Anschauungen  der  deutschen  Reichsregierung  wären,
dann  würden  meine  politischen  Freunde  und  nicht  nur  diese  der  Reichsregierung
  die  Gefolgschaft  verweigern.  (Sehr  wahr!  b.  d.  Soz.)  Was  mein
Parteigen.  Leinert  über  unsere  Stellung  zum  Charakter  dieses  Krieges  als
Verteidigungskrieg  usw.  gesagt  hat,  unterschreibe  ich  vollständig.  Aber  wenn
jemand  am  4.  Aug.  1914  als  Kriegsziel  des  deutschen  Volkes  das  aufgestellt
hütte,  was  Herr  Dr.  Beumer  heute  vortrug,  so  wäre  die  Einigkeit  des
deutschen  Volkes  gegenüber  den  auswärtigen  Feinden  nicht  hergestellt  worden.
Dann  hätten  Sie  den  Krieg  im  eigenen  Lande  gehabt.  (Sehr  wahr!  b.  d.
Soz.)  Das  deutsche  Volk  will  nichts  anderes  als  seine  Existenz,  seine  wirtschaftliche
  und  politische  Zukunft  verteidigen.  Alles,  was  darüber  hinausgeht,
  sind  Annexionsgelüste  bestimmter  kleiner  Kreise.  Es  erweckt  einen  sehr
kleinlichen  Eindruck  bei  dem  deutschen  Volke,  daß  die  Annexionspolitik  ganz
besonders  aus  solchen  Kreisen  propagiert  und  unterstützt  wird,  die  an  gewissen
  Erweiterungen  der  deutschen  Landesgrenze  privatwirtschaftlich  sehr
stark  interessiert  sind.  (Hört,  hört!  b.  d.  Soz.  Unruhe  rechts.)  Wollen  Sie
leugnen,  daß  ausgerechnet  aus  den  Kreisen  bestimmter  Großindustriellen
heraus  die  Annexionspolitik  in  erster  Linie  betrieben  wird?  Der  Beweis,
daß  etwa  die  Einverleibung  des  Gebiets  von  Briey  ein  Lebensbedürfnis
für  Deutschland  sei,  ist  in  keiner  Weise  zu  erbringen.  Wir  brauchen  nicht
etwa  die  Erzförderung  dieses  Bezirks,  sondern  das  Gegenteil  ist  der  Fall.
Unsere  Handelsstatistik  beweist,  daß  unsere  Eisenerzeugung  bereits  1912
den  eigenen  Verbrauch  um  40%  überstieg.  Wir  haben  vor  dem  Kriege  aus
dem  Longwy-Briey-Becken  mehrere  Mill.  Tonnen  Eisenerz  aus  den  Konzessionen,
  die  deutsche  Kapitalisten  dort  hatten,  erhalten,  es  hat  ein  sehr
freundschaftliches  wirtschaftliches  Verhältnis  zwischen  dem  französischen  und
deutschen  Erz=  und  Hüttenwesen  bestanden,  die  aufeinander  angewiesen  waren.
Deshalb  wünschen  wir  auch,  daß  wir  nach  dem  Kriege  namentlich  zu  unserem
westlichen  Nachbar,  der  sich  jetzt  in  eine  Art  Knechtschaft  der  englischen
Kapitalisten  begeben  hat,  möglichst  rasch  wieder  zu  einem  freundschaftlichen
Verhältnis  kommen.  Wenn  aber  das,  was  Herr  Dr.  Beumer  als  Lebensbedürfnis
  Deutschlands  hinstellt,  durchgeführt  wird,  dann  ist  an  eine  Aussöhnung,
  auch  nur  eine  wirtschaftliche  Verständigung  mit  Frankreich
  nicht  zu  denken.  Wir  wollen  doch  nach  diesen  Hekatomben  vernichteter
Menschenleben  einen  Frieden  herbeiführen,  der  nach  Menschenmöglichkeit  ein
dauernder  Friede  ist.  Man  sagt,  das  deutsche  Wirtschaftsleben  ist  in  einer
glänzenden  Verfassung  und  verweist  zur  Begründung  auf  die  Ueberschüsse
gewisser  industrieller  Werke.  Allerdings,  die  Großindustrie  befindet  sich  in
glänzender  Lage,  und  wenn  der  Krieg  zu  Ende  ist,  wird  in  jenen  Kreisen
von  einem  Aderlaß  keine  Rede  sein.  Aber  die  ungeheure  Masse  des  deutschen
Volkes  sehnt  den  Frieden  herbei  und  hat  mit  innigster  Freude  das  Friedensangebot
  der  Regierung  vernommen.  In  Deutschland  heißt  es:  Wer  da  hat,
dem  wird  gegeben.  Die  Unternehmerverbände  genießen  ausgiebigen  Schutz
der  Regierung;  an  Unterstützung  und  Schutz  der  Arbeiterverbände
denkt  die  Regierung  nicht.  Wir  haben  gewiß  Lob  und  anerkennende  Worte
ug  gehört,  die  Arbeiterschaft  ist  so  angesehen  bei  der  Regierung  wie  ein
nd  im  Hause  —  aber  in  die  gute  Stube  darf  sie  nicht  kommen.  Bei  dem
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