Full text : Zu Bismarcks Gedächtnis.

Vier  Briefe  über  Bismarcks  socialpolit.  u.  volkswirtschaftl.  Bedeutung.  19

hätten  die  Feinde  Preußens  gestärkt,  die  Stellung  der  Regierung  geschwächt.
  Ein  späteres  Geschlecht  aber  kann  an  diesen  Kämpfen  und
der  Art,  wie  sie  verliesen,  nur  sein  patriotisches  und  monarchisches  Gefühl
  stärken.  Auch  wenn  sie  heute  in  allen  Einzelheiten  erzählt  würden,
so  glaube  ich,  würde  die  Verehrung  und  Bewunderung  für  Bismarck
und  Kaiser  Wilhelm  nur  steigen;  denn  man  würde  sehen,  wie  sich  hier
die  höchsten  politischen  und  männlichen  Tugenden  im  Kampf  und  in
der  Nachgiebigkeit  des  einen  gegen  den  andern  erwiesen.  Ich  denke  dabei
vor  allem  an  die  Scene,  als  der  von  Baden-Baden  heimkehrende,  dort
zur  Nachgiebigkeit  gegen  die  Kammer  bekehrte  König,  von  dem  herbeieilenden
  Bismarck  in  der  Nacht  auf  einer  Zwischenstation  erreicht,  bei
der  Ehre  des  preußischen,  niemals  nachgebenden  Offiziers  gefaßt,  wieder
zum  Standpunkt  des  unabänderlichen  Festhaltens  im  Verfassungskonflikt
bekehrt  wurde.  Oder  an  die  Scenen  in  Nikolsburg,  wo  Bismarck,  für
die  milderen  Friedensbedingungen  eintretend,  sich  bereits  als  entlassener
Minister  ansah,  und  der  Frieden  zwischen  ihm  und  dem  König  dann
wieder  durch  den  Kronprinzen  hergestellt  wurde.

Wo  die  großen  Geschicke  eines  Volkes  und  einer  Welt  auf  eines
Messers  Schneide  liegen,  da  kann  es  nicht  wie  in  der  harmlos  friedlichen
  Kinder=  und  Familienstube  hergehen.  Wie  Volk  und  Regierung,
Parteien  und  Minister,  so  müssen  auch  die  Könige  und  ihre  obersten
Räte  zeitweise  miteinander  ringen,  wenu  die  rechten  Entschlüsse  reifen
sollen.  Könige,  die  stets  nur  befehlen  wollen,  Minister,  die  stets  nur
ja  sagen,  taugen  nichts.  Freilich  die  Voraussetzung  eines  segensvollen
Kampfes,  der  stärkt  und  bindet,  ist  die,  welche  Bismarck  1879  in  seiner
Rede  gegen  Lasker,  als  dieser  ihm  vorwarf,  den  Bürgerkrieg  zwischen
Stadt  und  Land  zu  entzünden,  bezeichnete:  es  muß  für  die  Kämpfenden
einen  sicheren  Boden  gemeinsamer,  starker,  alles  beherrschender  Gefühle,
Ideale  und  Pflichten  geben;  der  eben  ermöglicht  das  richtige  Nachgeben
und  den  heilsamen  Friedensschluß.

Daß  man  auch  Minister  und  sogar  preußischer  Finanzminister  sein
könne  ohne  Kämpfe,  daß  man  als  solcher  jahrelang  sich  auf  die  harmlos
friedliche  Arbeit,  die  Konzepte  und  Reinschriften  seiner  Räte  zu  unterschreiben,
  beschränken  könne,  hat  Bismarck  nicht  ohne  Bitterkeit  mit  einem
Seitenblick  auf  einen  langjährigen  Kollegen  ausgesprochen.  Das  find  die
Minister  und  Ministerien,  die  sich  von  Tag  zu  Tage  „)durchfretten“,  die
sich  schieben  lassen,  statt  zu  führen,  die  aber  auch  nichts  leisten  und
steuerlos  vor  Wind  und  Wellen  treiben.

Wer  sein  Vaterland  gänzlich  neu  gestalten,  die  größten  inneren  und

äußeren  Reformen  durchführen  will,  der  kann  das  nur  durch  eine  Welt
2.