Full text : Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Erster Band Erste Hälfte.

222  Geschichte  der  Societät  von  1717-17.

Allein  vom  Jahre  1719  ab'  sank  Guxprine  wieder  immer  tiefer  und
wurde  dementsprechend,  obgleich  nun  Freiherr  und  Kammerherr,
immer  roher  behandelt.  Dennoch  fand  er  bei  allen  Ausschweifungen
und  Erniedrigungen  Zeit,  in  den  letzten  15  Jahren  seines  Lebens
eine  stattliche  Anzalıl  (fast  zwei  Dutzend)  historische  und  statistischgeographische
  Arbeiten  zu  verfassen”  und  einen  Codex  diplomaticus
Brandenburgicus  aus  mehreren  Tausenden  von  Urkunden  anzulegen.

Jene  geschichtlichen  Werke  sind  nicht  unbedeutend;  sie  gründen
  sieh  auf  archivalischen  Studien.  »GunnLıne  ist  einer  der  ersten,
die  nach  dem  Vorgang  des  grossen  SAMUEL  PUFENXDORF  die  Bedeutung
der  Urkunde  als  Grundlage  der  Geschichtschreibung  voll  würdigten’«,
  und  auch  seine  geographisch-statistischen  Zusammenstellungen
gehören  zu  den  ersten  in  ihrer  Art.  Wäre  er  nicht  ein  moralischer
Schwächling  gewesen  und  ein  Lump  geworden,  seine  Kenntnisse
und  sein  gesundes  Urtheil?  hätten  ihn  zu  der  Stellung  als  Präsident
der  Soeietät  wohl  befähigt”.

Dreizehn  Jahre  lang  hat  dieser  Mann  als  Leisxızens  Nachfolger
an  der  Spitze  der  Societät  gestanden:  je  tiefer  er  sank,  desto  tiefer
sank  auch  das  Ansehen  der  Societät  bei  Hofe.  Einige  Anläufe  hat
er  genommen,  ihre  Rechte  beim  König  zu  schützen  und  wissenschaft-!

  Dass  er  bis  dalin  keineswegs  nur  komische  Figur  gewesen  ist,  zeigt
seine  Verheirathung  im  Jahre  1718  mit  der  Tochter  des  Legationsraths  DE  LARrEY,
eines  hervorragenden  Gelehrten  in  Berlin  und  späteren  preussischen  Gesandten  in
London.

?  Siehe  die  Titel  bei  Förster,  a.a.  O.  S.255f.

°  Isaacsonx  in  der  Allgemeinen  Deutschen  Biographie  10.  Bd.  S.  128.

*  Auch  über  Frieprıcn  den  Grossen  hat  er  richtig  geurtheilt,  als  dieser  noch
ein  Knabe  von  13  Jalren  war.  In  einem  Brief  GuxpLixe's  an  den  Secretar  Ja-BLONSKı
  vom  28.  November  1725  (Akademisches  Archiv;  vergl.  auch  das  Sitzungs-Protokoll
  vom  27.  Juli  1725)  findet  sich  das  Postseript:  »Des  Kron-Prinzen  K.  Hoheit
hat  das  Microscopiun  höchst  vergnügt  und  wird  ein  Maecenas  sein«..  Der  Kronprinz
  Friedrich  erwähnt  GunpLixG  in  der  Correspondenz  mit  seinen  Vater  einmal
(CGEuvres.  T.  27,3  p.7f.  vom  ı2.  Juli  1721):  »Ich  habe  GvxprLino  bei  mir  zum
Essen  gehabt,  welelher  mir  Alles  erzählet  und  selır  lustig  gewesen«.  Dass  Guxp-LING
  —  die  Societät  kaufte  nach  seinem  Tode  einen  Theil  seines  gelehrten  Nachlasses
  an  —  sich  um  die  geographisch-topographisch-historischen  Wissenschaften  wirkliche
  Verdienste  erworben  hat,  erkennt  auch  BarrHoLnsss  an  (a.a.0.).  Mit  Recht
fährt  er  fort:  »il  donna  l’exeinple  de  l’ardeur  et  de  l’habilete,  etonnant  ses  confreres
plus  d’une  fois  par  des  prodiges  de  meimoire,  par  des  Eclairs  de  sagacite  et  de
penctration,  et  leur  faisant  alors  oublier  la  ınortification  de  l’avoir  pour  chef«.
Ausführlich  handelt  über  GuxpLixnG  GEIGER  in  seinem  Werk  »Berlin«  1688  —1840
Bl.ı  8.226  ff.

5  Die  Bestallungsurkunde  vom  5.  März  s.  in  Urkundenband  Nr.  131;  sie  ist
nicht  scherzhaft  gemeint,  übrizens  der  Bestallungsurkunde  für  Leizxız  nachgebildet.