12 Unser Kaiser.
ging die hohe Bischofsgestalt Kögels mit der gesamten Hof—
und Domgeistlichkeit dem Brautpaar entgegen und geleitete
es, nachdem der glänzende Zug der Marschälle, Kammer—
herren und Pagen vorbei war, zu den Plätzen vor dem
Altar. Prinz Wilhelm, in der Uniform seines Regiments,
mit der Kette des Schwarzen Adlerordens geschmückt, führte
mit der hoch erhobenen Rechten seine liebliche Braut, auf
deren dunkelblondem Haar eine Krone von Diamanten
funkelte. Auf ihren Wangen lag ein rosiger Schimmer, und
Freude strahlte aus ihren blauen Augen. Dann folgte ein
so glänzender Zug, wie man ihn nicht oft in der Welt sehen
kann. Fürsten aus den verschiedensten Ländern, Deutschland,
England, Holland, Schweden, voran der alte Kaiser
mit der Königin von Sachsen, hinter ihm die ritterliche
Gestalt des Kronprinzen mit dem Marschallstab.
Kögel nahm zum Text aus der Epistel des Sonntags
Estomihi das Wort: „Die Liebe ist die größte unter ihnen“.
Es war die Fortsetzung des Tertes bei der nicht lange vorhergegangenen
goldenen Hochzeit des Kaisers: „Nun aber
bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei"“. In formvollendeter
Rede wußte er dies goldene Wort des Apostels
Maulus auf den festlichen Tag anzuwenden. Er schloß mit
den Worten: „Weit über alle Lande ragt Ihr hochgebautes
Haus. Umso weiter reicht der vorbildliche Einfluß desselben.
Ein deutsches Haus soll es werden, ernst und wahr,
eine Stätte guter deutscher Zucht und Sitte, und dabei ein
christliches Haus, in dem sich aus Morgen= und Abendsegen
Gottes Tage weben“. Haben jemals diese Worte eine vorbildliche
Erfüllung gefunden, so war es in dieser Ehe, die