Volltext : Untersuchungen und Aktenstrücke zur Geschichte der Reichsgründung.

688  Gesichtspunkte  der  russischen  Politik.

wohlwollende  Haltung  eingenommen,  aber  es  zeigte  sich  bald,  daß  es  doch
einige  Punkte  gab,  die  ihn  bedenklich  stimmten.  Es  kamen  dabei  hauptsächlich
  drei  verschiedene  Erwägungen  in  Betracht.

Zunächst  fühlte  sich  Alexander,  da  Rußland  Mitunterzeichner  und  Mitgarant
  der  Verträge  von  1815  war,  verpflichtek,  dahin  zu  wirken,  daß  diese
Verträge  nicht  einseitig  aufgelöst  oder  abgeändert  würden.  Er  glaubte,  daß
die  ganze  bestehende  Ordnung  Europas  gefährdet  sei,  wenn  man  dies  zulasse.
Auch  darf  man  nicht  vergessen,  daß  gerade  durch  die  Teilnahme  an  diesen
Verträgen  Rußland  einen  vertragsmäßig  begründeten  Anspruch  darauf  besaß,
  bei  der  Neuregelung  der  deutschen  Verhältnisse  gehört  zu  werden;  es
bedeutete  den  Verzicht  Rußlands  auf  jede  aktive  Einmischung  in  die  deutschen
Verhältnisse,  wenn  es  diese  Neugestaltung  in  einer  Form  zuließ,  welche  für
die  Jukunft  die  volle  Autonomie  Deutschlands  fesistellte.  Oaher  hat  der
Zar  von  Anfang  an  die  Ansicht  vertreten,  daß  eine  Auflösung  des  alten
dentschen  Bundes  und  die  Begründung  eines  neuen  Bundes  ohne  Österreich
niemals  ohne  Justimmung  der  Garantiemächte  vollzogen  werden  könne;
daraus  ergab  sich  mit  logischer  Konsequenz  die  weitere  Forderung,  daß  die
eventuell  zwischen  sterreich  und  Preußen  zu  vereinbarenden  Friedensbedingungen,
  bevor  sie  volle  Gültigkeit  erlangt  hätten,  den  Unterzeichnern  der
Verträge  von  1815  vorgelegt  und  von  ihnen  gutgeheißen  werden  müßten,
wozu  ein  europäischer  Kongreß  nach  der  Beendigung  der  Feindseligkeiten  und
dem  Abschluß  des  Präliminarfriedens  als  das  geeignetse  Mittel  erschien.

Ein  zweiter  Gesichtspunkt  für  die  Politik  des  Kaisers  war  es,  daß  beim
Friedensschluß  das  monarchische  Prinzip  unbedingt  gewahrt  werden  müsse.
Schon  der  preußische  Parlamentsantrag  hatte  in  Petersburg  starke  Verstimmung
  hervorgerufen.  „Oas  ist  nicht  mehr  Politik“,  sagte  Gortschakoff  zu
dem  österreichischen  Gesandten,  „das  ist  Revolution.“  Auch  der  Kaiser  selbst
sagte,  seine  Freundschaft  für  König  Wilhelm  werde  ihn  nicht  bestimmen,
die  Mitschuld  an  den  preußischen  Umsturzplänen  auf  sich  zu  laden.1
Noch  stärker  wurden  die  russischen  Bedenken  von  dem  Augenblick  an,  wo  die
preußischen  Annerionsabsichten  in  Petersburg  bekannt  wurden.  Immer  wieder
hat  der  gar  es  den  verschiedenen  Vertretern  Preußens,  die  zu  ihm  gesandt
wurden,  ausgesprochen,  daß  ihn  die  Vertreibung  ganzer  Oynastien  ängstige,
daß  man,  wenn  man  in  diesem  Falle  die  Revolution  von  oben  gutheiße,  das
Recht  verliere,  sich  der  Revolution  von  unten  mit  voller  Kraft  zu  widersetzen.
Unbedingt  wollte  er  an  dem  Prinzip  festhalten,  daß  jeder  Herrscher  seine
Regierungsrechte  durch  göttliche  Ubertragung  besictze  und  daß  sie  ihm  daher
weder  durch  elnen  anderen  Fürsten  noch  durch  das  Volk  entzogen  werden
dürften.  Es  leuchtet  ohne  weiteres  ein,  daß  diese  Erwägungen  nicht  nur  in

Gras  Revertera,  Erinnerungen.  Deutsche  Reoue  29,  II,  130.