130 Unser Kaiser.
Er hat an Treubruch wahrlich genug zu schmecken bekommen.
Aber die Getreuen von Doorn, denen er täglich ins Auge
blickt, sagen ihm an unser aller Statt: Wenn alle untreu
werden, so bleib ich dir doch treu.
Das alles ging mir durch den Sinn, als ich im Juli 1926
auf dem Rückweg von Doorn wieder in meinem hollän—
dischen Eisenbahnwagen saß und über alles nachdachte, was
ich erlebt hatte. Und ich hatte das Gefühl, daß ich das nicht
für mich allein behalten dürfe. Auch andere sollen es wissen.
Die meisten von denen, die einst beim Kriegsausbruch treu,
ja begeistert zum Kaiser gestanden haben und jetzt an ihm
irregeworden sind, konnten nur deshalb dahin gelangen, weil
sie ehrlich geglaubt haben, was in Zeitungen und Büchern,
vornehm auzgestatteten und schlecht gebundenen, tausend-
stimmig über ihn gelogen worden ist und noch immer gelogen
wird. Da ist es Pflicht, daß jeder, der die Wahrheit
kennt, auch der geringste, seine Stimme erhebt. Denn hier
heißt es auch:
Wer die Wahrheit kennt und saget sie nicht,
Der ist fürwahr ein erbärmlscher Wicht!
Allen möchte ich zurufen: Versündigt euch nicht an eurem
Kaiser, indem ihr die nichtswürdige Lüge nachsprecht oder auch
nur unwidersprochen laßt, als habe er sein Volk treulos
verlassen! Er ist im Augenblick der furchtbarsten Entscheidung
allein gelassen worden. Das ganze feindliche Ausland, die
Heimat, die Reichsregierung, der Reichstag, die oberste Heeres-
leitung, alles rief ihm tausendstimmig zu: Geh, geh! Und
als er sich nach furchtbarem Seelenkampf gegen seine innerste
Neigung zu dem Entschluß durchgerungen hatte, nachzugeben