Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Vierundzwanzigster Jahrgang. 1908. (49)

68  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  24.)

(Bravo!)  Wir  wünschen  mit  England  in  Ruhe  und  Frieden  zu  leben,  und
darum  empfinden  wir  es  bitter,  daß  ein  Teil  der  englischen  Publizisten
immer  wieder  von  der  „deutschen  Gefahr“  spricht,  obwohl  die  englische
Flotte  unserer  Flotte  mehrfach  überlegen  ist,  obwohl  andere  Länder  stärkere
Flotten  besitzen  als  wir  und  mit  nicht  geringerem  Eifer  an  dem  Ausbau
ihrer  Flotten  arbeiten  als  wir.  Trotzdem  ist  es  Deutschland,  immer  wieder
Deutschland  und  nur  Deutschland,  gegen  das  die  öffentliche  Meinung  jenseits
  des  Kanals  durch  eine  rücksichtslose  Polemik  aufgeregt  wird.  (Sehr
richtig!)  Es  würde,  meine  Herren,  im  Interesse  der  Beruhigung  zwischen
beiden  Ländern,  es  würde  im  Interesse  der  allgemeinen  Beruhigung  der
Welt  liegen,  wenn  diese  Polemik  aufhörte.  So  wenig  wir  England  das
Recht  bestreiten,  sich  auf  denjenigen  Flottenstandard  einzurichten,  den  seine
verantwortlichen  Staatsmänner  für  notwendig  halten,  um  die  britische
Weltmacht  aufrecht  zu  erhalten,  ohne  daß  wir  darin  eine  Drohung  gegen
uns  erblicken,  so  wenig  kann  man  es  uns  verargen,  wenn  wir  nicht
wünschen,  daß  unsere  Schiffsbauten  als  eine  gegen  England  gerichtete  Herausforderung
  hingestellt  werden!  (Zustimmung  rechts  und  links.)  Meine
Herren,  das  sind,  wie  ich  aus  ihrer  Zustimmung  entnehme,  Gedanken,  die
wir  alle  hegen,  die  in  den  Ausführungen  aller  Redner  zum  Ausdruck  gekommen
  sind,  die  unser  aller  Ansichten  entsprechen.  Nehmen  Sie  zu  diesen
meinen  Ausführungen  hinzu,  daß  in  dem  Briefe  Seiner  Majestät  des
Kaisers  an  Lord  Tweedmouth  ein  Gentleman  zum  anderen,  ein  Seemann
zum  anderen  freimütig  spricht,  daß  unser  Kaiser  die  Ehre  hochschätzt,
Admiral  der  Flotte  zu  sein,  und  daß  er  ein  großer  Bewunderer  der  politischen
  Bildung  des  britischen  Volkes  und  seiner  Marine  ist,  so  haben  Sie
einen  ganz  richtigen  Begriff  von  Tendenz,  Ton  und  Inhalt  des  kaiserlichen
  Briefes  an  Lord  Tweedmouth!  Seine  Majestät  befindet  sich  also
darin  nicht  nur  in  Uebereinstimmung  mit  dem  Reichskanzler,  ich  betone
das  gegenüber  dem  Herrn  Abg.  Bebel,  sondern,  wie  ich  fest  überzeugt  bin,
in  Uebereinstimmung  mit  der  gesamten  Nation.  Es  wäre  sehr  zu  bedauern
gewesen,  wenn  die  edlen  Absichten,  von  denen  unser  Kaiser  bei  der  Abfassung
  dieses  Briefes  geleitet  war,  in  England  mißdeutet  worden  wären.
Mit  Genugtuung  kann  ich  feststellen,  daß  die  Versuche  solcher  Mißdeutung
in  England  fast  einmütige  Ablehnung  gefunden  haben.  (Bravo!  rechts  und
links.)  Vor  allem,  meine  Herren,  glaube  ich,  daß  die  gestern  von  dem  Herrn
Abg.  Dr.  Wiemer  und  heute  von  dem  Herrn  Abg.  Liebermann  v.  Sonnenberg
  mit  Recht  hervorgehobene  und  gewürdigte  vornehme  Art,  wie  das
englische  Parlament  diese  Frage  vorbildlich  behandelt  hat,  das  Beste  tun
wird,  um  eine  Störung  der  freundlichen  Beziehungen  zwischen  Deutschland
und  England  zu  verhüten  und  den  Erörterungen  über  diesen  Fall  jede
feindliche  Spitze  zu  nehmen.  (Zustimmung  rechts  und  links.)  Meine
Herren,  nur  eine  Bemerkung  allgemeiner  Art  möchte  ich  noch  hinzufügen.
Die  Herren  Abgg.  Frhr.  v.  Hertling  und  Bassermann  haben  angesichts  der
gegen  uns  im  Auslande  verbreiteten  Verdächtigungen  ruhige  und  wachsame
Zurückhaltung  empfohlen  und  für  die  Behandlung  der  auswärtigen  Geschäfte
  des  Landes  Stetigkeit,  Einheitlichkeit,  Festigkeit  gewünscht.  Nun,
ich  glaube,  daß  die  auswärtige  Politik,  die  wir  machen  müssen,  nicht  richtiger
und  nicht  besser  charakterisiert  werden  kann.  (Lebhafter  Beifall.)
Staatssekretär  des  Auswärtigen  Amts,  Wirklicher  Geheimer  Rat
v.  Schoen:  Meine  Herren,  der  Ankündigung  des  Herrn  Reichskanzlers
gemäß  werde  ich  versuchen,  noch  einige  Einzeldarlegungen  über  die  marokkanische
  Politik  zu  geben.  Ich  bedaure,  den  Herrn  in  unvollkommener
körperlicher  Verfassung  entgegentreten  zu  müssen,  und  bitte  daher  von  vornherein
  um  gütige  Nachsicht.  Meine  Herren,  Sie  werden  es  verstehen,  daß