Volltext : Verhandlungen des Reichstags. 314. Band. (314)

Reichstag.  —  195.  Sitzung.  Donnerstag  den  24.  Oktober  1918.

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(Kreth.  Abgeordneter.)

Wir  zeigten  hier  wieder,  daß  wir  Deutsche  sind,  also
unpraktisch,  unpolitisch.  Wir  errichteten  die  Vielherrschaft
an  Stelle  der  Herrschaft  der  Autorität,  die  wir  wenigstens
theoretisch  hatten.  Es  wird  die  Zeit  kommen,  wo  die
Geschichte  ihr  Urteil  über  diesen  Werdegang  der  neuen
deutschen  Politik  sprechen  wird.

Wenn  Herr  Noske  meinte,  Sie  hätten  keinen  Anlaß,
die  Abrechnung  zu  fürchten,  —  er  wird  sich  wundern,  wie
das  Verdikt  ausfallen  wird!

(Sehr  wahrl  rechts.)
Die  demokratischen  Parteien  freuen  sich  ihres  leicht  errungenen
  innerpolitischen  Sieges.  Ich  kann  es  ihnen
nicht  verdenken.  Ein  Reichstag,  dessen  Mandat  längst
erloschen  ist,  räumt  mit  Bismarcks  Verfassung  auf  wie
mit  altem  Plunder  und  setzt  an  ihre  Stelle  „Kriegsersatz“.



(Sehr  gutk  rechts.)
Glauben  Sie,  daß  Sie  damit  Reichsverdrossenheit  bannen
werden?  Eins  haben  Sie  fertiggekriegt:  Der  preußische
Partikularismus,  der  seit  einem  Menschenalter  in  der
Versenkung  verschwunden  war,  taucht  wieder  auf.

(Zurufe  links.)

Aus  Bayern  klingt  manche  Stimme,  Herr  Kollege  Müller-Meiningen,
  die  Ihrem  fortschrittlichen  Ohre  nicht  gerade
lieblich  klingt.  Die  Mär,  daß  man  den  Bundesrat  ausschalten,
  aber  das  föderalistische  Prinzip  in  Deutschland
beibehalten  kann,  wird  Ihnen  in  kurzer  Zeit  kein  Mensch
mehr  glauben.

(Zurufe.)
—  Herr  Rühle,  wenn  Sie  uns  den  Kopf  kürzer  gemacht!

haben,  brauchen  wir  weder  zu  reden  noch  nachzudenken.

(Zurufe.
Der  sozialdemokratische  Sprecher  fühlt  sich  in  seiner
Rolle  als  Wortführer  einer  Regierungspartei  nicht  ganz
behaglich.  Es  ist  zweifellos  leichter,  mit  rollenden  super-(B)

  lativen  Anklagen  gegen  die  Regierung  zu  schleudern  als

die  Entschlüsse  des  politischen  drei=  oder  vierköpfigen
Cerberus  zu  vertreten.

Wir  selbst  haben  unter  der  bisherigen  politischen
Zwitterstellung  lange  Jahre  gelitten.  Alles,  was  die
Regierung  Ubles  tat,  die  von  Ihnen  als  konservativ  bezeichnet
  wird,  wenn  sie  Fehler  machte,  wurde  uns  auf  das
Kerbholz  geschrieben;  dafür  hatten  wir  vor  der  Offentlichkeit
  gerade  zu  stehen,  und  wir  haben  damit  unserer  Partei
sehr  schweren  Schaden  zufügen  sehen.  Aber  nach  der
konstitutionellen  Doktrin  trieben  und  vertraten  damals  die
Staatsmänner  die  Politik  des  Staatsoberhauptes,  und
für  die  konservativen  Männer  war  es  nicht  leicht,  mit  der
Schärfe  vorzugehen,  die  im  Interesse  der  Partei  gelegen  war.

(Sehr  richtigl  rechts.)

Es  ist  gesagt  worden  —  und  wir  nehmen  das  voll
auf  —:  wir  stehen  in  der  Opposition.  Aber  eine  Opposition,
  wenn  wir  es  auch  noch  sehr  lernen  sollten,  Opposition
  zu  machen,  eine  Opposition  auf  Kosten  des  Vaterlandes
  zu  machen,  das  werden  wir  nicht  lernen.  Für
uns  ist  eine  Anderung  des  bisherigen  verschleierten  Parlamentarismus
  in  den  waschechten  Parlamentarismus
nicht  nachteilig  vom  parteipolitischen  Standpunkt  aus.
Aber,  meine  Herren,  wie  es  aussehen  wird  in  unserem
Erwerbsleben,  wenn  eine  durch  keine  Königsgewalt,  durch
keinen  Widerspruch  im  Bundesrat  gehinderte  Konsumentenmehrheit
  im  Deutschen  Reiche  lediglich  von  ihrem  Standpunkt
  regiert,  da  wird  es  Trümmer  geben  —  und  davor
haben  wir  die  Landwirtschaft  schon  lange  genug  gewarnt
  —,  die  man  vielleicht  erst  glauben  wird,  wenn  man
sie  vor  Augen  sieht.

(Sehr  richtig!  rechts.)

Herr  Dr.  Stresemann  begründete  den  Umfall  seiner
Fraktion  —  ich  weiß  nicht,  weshalb  er  das  für  nötig
hielt  —  mit  der  Behauptung,  das  alte  System  habe  auf

 

seinem  ureigensten  Gebiet,  auf  dem  kriegstechnischen,  (C)

versagt.  Der  Herr  Kriegsminister  hat  schon  dargelegt,
daß  diese  Behauptung  unzutreffend  ist.  Aber  mag  ste
zutreffend  sein  oder  nicht,  mit  einem  ist  gründlich  dabei
gebrochen  in  der  nationalliberalen  Tradition,  auch  für
Handlungen  der  Partei  nicht  Gründe  anzugeben,  die  im
gegenwärtigen  Augenblick  doch  keinesfalls  vor  den  Ohren
des  Auslands  abgegeben  werden  durften.
(Sehr  richtig!  rechts.)

Meine  Herren,  wir  haben  im  Haushaltsauschuß  gehört,
  daß  unser  Kriegsmaterial  ausreicht,  aber  daß  wir
nicht  imstande  sind,  alle  wünschenswerten  Kriegsmittel
gleichzeitig  in  einer  Zahl  und  Masse  herzustellen,  wie  es
nützlich  wäre.  Das  weiß  jeder  von  uns,  daß  unsere  Industrie,
  so  ungeheuer  ihre  Leistungen  sind,  so  Gewaltiges
sie  gerade  zur  Durchhaltung  des  Krieges  bis  zu  diesem

Augenblick  geleistet  hat,  doch  nicht  den  Kampf  aufnehmen

kann  gegen  die  amerikanische  und  englische  Industrie  gemeinsam.


(Sehr  richtig!  rechts.)
Vor  allem  aber  weiß  jeder  von  uns,  daß  wir  nicht  so
viel  Arbeiter  von  der  Front  ziehen  können,  um  Tanks
mehr  herzustellen  als  unsere  Gegner,  um  in  Munition
und  Geschützen  ihnen  überlegen  zu  sein  und  soviel  Flugzeuge
herzustellen,  daß  wir  sie  n  beser  Beziehung  übertreffen.
(Zuruf.)

—  Herr  Dr.  Stresemann  hat  ja  Beziehungen  zur  Industrie.
Ihm  wäre  es  doch  ein  Leichtes  gewesen,  sich  davon  zu
überzeugen,  daß  seine  Stellungnahme  unrichtig  sei  und
er  mußte  sich  klar  darüber  sein,  welche  niederschmetternde
Wirkung  dies  im  Lande  haben  muß,  wenn  der  Führer  der
Partei,  die  an  der  Schöpfung  des  Deutschen  Reichs  einen
so  hervorragenden  Anteil  hat,  in  diesem  Augenblick  etwas
sagt,  was  auf  die  Stimmung  im  Lande  niederschmetternd
wirken  muß,  da  sie  das  Vertrauen  zur  Obersten  Heeresleitung
  erschüttern  muß.

Noch  eins!  Meine  Herren,  noch  viel  krasser  tritt  das
Umlernen  der  nationalliberalen  Partei  im  Lande  auf.  Mir
liegt  ein  Aufruf  vor  von  dem  nationalliberalen  Parteibureanu
  Prenzlau,  ausgerechnet  in  der  konservativen  Prenzlauer
  Zeitung  am  22.  dieses  Monats  veröffentlicht.  Darin

eißt  es:  .

Wir  bitten  alle  unsere  Parteifreunde  in  Stadt
und  Land,  sich  an  unser  Parteibureau  mit  Beitrittserklärungen
  zu  wenden.  (Jahresbeitrag  eine  Mark.)
Auch  rechnen  wir  auf  Zuzug  von  Männern,  die
von  konservativer  Macht=  und  alldeutscher  Eroberungspolitik
  nun  genug  haben  oder  sich  von
schwerindustrieller  Seite  nicht  mehr  eine  einseitige
Meinung  einimpfen  lassen  wollen.  Doch  auch
von  links  erwarten  wir  Mitglieder;  wem  der
Liberalismus  zu  scharf  ist,

—  das  sind  die  Herren  vom  Fortschritt  —
oder  wer  die  sozialdemokratischen  Ziele  verwirft,
soll  zu  uns  stehen.

Also  eine  Sammelwpolitik  für  eine  Mark!

(Heiterkeit.)

Glauben  Sie  denn  wirklich,  meine  Herren,  wenn  Sie  mit

den  Schwerindustriellen  in  dieser  Form  umspringen,  daß

Sie  mit  einer  Mark  Jahresbeitrag  auskommen  werden?

(Erneute  Heiterkeit.)
Meine  Herren,  glauben  Sie  denn,  daß  Sie  bei  Wahlkämpfen
  damit,  daß  Sie  alle  alldeutsche  Eroberungspolitik
und  alle  Machtpolitik  als  konservativ  bezeichnen,  nun  von
aller  Schuld  und  Fehle  von  den  Herren,  die  weiter  links
von  Ihnen  sitzen,  freigesprochen  werden?  Ich  meine,  das
ist  doch  ein  Versuch  mit  untauglichen  Mitteln.
(Zurufe  von  den  Nationalliberalen.)
—  Das  ist  Ihnen  unbequem.
(Erneute  Zurufe.)

W)