Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Erster Teil. Bis zum zweiten Pariser Frieden. (24)

86  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

und  vergaß,  daß  nur  neue  schwere  Arbeit  das  Werk  unsäglicher  Mühen
aufrechthalten  konnte.  Als  aber  die  Tage  der  Schande  und  der  Prüfung
kamen,  da  hat  Preußen  wieder  die  langnachwirkende  segenspendende  Macht
des  Genius  erfahren;  die  Erinnerung  an  Roßbach  und  Leuthen  war  die
letzte  sittliche  Kraft,  welche  das  lecke  Schiff  der  deutschen  Monarchie  noch
über  dem  Wasser  hielt;  und  als  der  Staat  dann  nochmals  die  Waffen
zum  Verzweiflungskampfe  hob,  da  sah  ein  süddeutscher  Dichter  die  Gestalt
des  großen  Königs  aus  den  Wolken  niedersteigen  und  dem  Volke  zurufen:
„Auf,  meine  Preußen,  unter  meine  Fahnen!  und  ihr  sollt  größer  sein
als  eure  Ahnen!“

 

Unterdessen  hatte  das  deutsche  Volk  mit  einer  jugendlichen  Schnell—
kraft,  die  in  der  langsamen  Geschichte  alter  Völker  einzig  dasteht,  eine
Revolution  seines  geistigen  Lebens  vollendet;  kaum  vier  Menschenalter
nach  der  trostlosen  Barbarei  des  dreißigjährigen  Kriegs  erschienen  die
schönsten  Tage  deutscher  Kunst  und  Wissenschaft.  Aus  den  starken  Wur—
zeln  der  Glaubensfreiheit  erwuchs  eine  neue  weltlich  freie  Bildung,  die
den  verknöcherten  Formen  der  deutschen  Gesellschaft  ebenso  feindlich  gegen—
überstand  wie  der  preußische  Staat  dem  heiligen  römischen  Reiche.  Bei
allen  anderen  Völkern  war  die  classische  Literatur  ein  Kind  der  Macht
und  des  Reichthums,  die  reife  Frucht  einer  alten  durchgebildeten  natio—
nalen  Cultur;  Deutschlands  classische  Dichtung  hat  ihr  Volk  erst  wieder
eingeführt  in  den  Kreis  der  Culturvölker,  ihm  erst  die  Bahn  gebrochen
zu  reinerer  Gesittung.  Niemals  in  aller  Geschichte  hat  eine  mächtige
Literatur  so  gänzlich  jeder  Gunst  der  äußeren  Lebensverhältnisse  entbehrt.
Hier  bestand  kein  Hof,  der  die  Kunst  als  eine  Zierde  seiner  Krone  hegte,
kein  großstädtisches  Publikum,  das  den  Dichter  zugleich  ermuthigen  und
in  den  Schranken  einer  überlieferten  Kunstform  halten  konnte,  kein
schwunghafter  Handel  und  Gewerbfleiß,  der  dem  Naturforscher  fruchtbare
Aufgaben  stellte,  kein  freies  Staatsleben,  das  dem  Historiker  die  Schule
der  Erfahrung  bot;  selbst  die  große  Empfindung,  die  aus  großen  Erleb—
nissen  stammt,  kam  den  Deutschen  erst  durch  Friedrich's  Thaten.  Recht
eigentlich  aus  dem  Herzen  dieser  Nation  des  Idealismus  ward  ihre  neue
Dichtung  geboren,  wie  einst  die  Reformation  aus  dem  guten  deutschen
Gewissen  hervorging.  Die  Mittelklassen  lebten  dahin,  fast  gänzlich  aus—
geschlossen  von  der  Leitung  des  Staates,  eingepfercht  in  die  Langeweile,
den  Zwang  und  die  Armuth  kleinstädtischen  Treibens,  und  doch  in  so
leidlich  gesicherten  wirthschaftlichen  Verhältnissen,  daß  der  Kampf  um  das
Leben  noch  nicht  das  Leben  selber  dahinnahm  und  die  wilde  Jagd  nach
Erwerb  und  Genuß  dem  befriedeten  Dasein  noch  völlig  fremd  blieb.
Unter  diesen  unbegreiflich  genügsamen  Menschen  erwacht  nun  die  leiden—
schaftliche  Sehnsucht  nach  dem  Wahren  und  dem  Schönen.  Ihre  guten