Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Dritter Teil. Bis zur Juli-Revolution. (26)

Hamburg.  583

in  dem  Winkel  zwischen  Elbe  und  Trave  durcheinander.  Die  Vorstädte
des  großen  Hafenplatzes,  Altona,  Blankenese,  Wandsbeck  waren  dänisch.
Mit  Lübeck,  dessen  Gebiet  in  neun  oder  zehn  Stücken  zersprengt  lag,  besaß
Hamburg  gemeinsam  die  fruchtbaren  Vierlande,  und  die  Verwaltungs—
zustände  in  diesem  beiderstädtischen  Amte  Bergedorf  erinnerten  lebhaft  an
die  Herrlichkeit  des  staatlosen  Communionharzes.  Während  Dänemark  den
nachbarlichen  Verkehr  durch  seine  Zölle  belästigte,  führte  der  Hamburger
Senat  die  aberwitzige  abendliche  Thorsperre  wieder  ein,  die  fast  während
eines  halben  Jahrhunderts  mit  unbegreiflicher  Geduld  ertragen  wurde.
Mit  ebenso  erstaunlicher  Leidsamkeit  ergaben  sich  die  Kaufherren  der  ersten
Handelsstadt  des  Festlandes  darein,  daß  sie  ihre  Briefschaften  bei  sieben
verschiedenen  Postämtern,  der  Stadtpost,  der  preußischen,  der  dänischen,
der  mecklenburgischen,  der  hannoverschen,  der  thurn=  und  taxisschen,  der
schwedischen  Post  ausgeben  mußten.  Im  Jahre  1819  beantragten  die
Hansestädte  in  Frankfurt  die  Verbesserung  des  deutschen  Postwesens,  worauf
der  Bundestag  hergebrachtermaßen  die  Einholung  von  Instruktionen,  welche
niemals  eingingen,  beschloß.  Seitdem  rührte  man  keine  Hand  mehr:
sechs  fremde  Postämter  ließen  sich  ertragen,  aber  die  Abtretung  des  Postwesens
  an  Preußen  hätte  die  Ehre  der  Vaterstadt  bloß  gestellt.  Der  echte
Hamburger  betrachtete  es  fast  als  ein  Zeichen  vaterstädtischer  Macht  und
Herrlichkeit,  daß  Hamburg  die  deutsche  Münzverwirrung  sogar  durch  ein
doppeltes  Münzwesen  verschönerte:  der  kleine  Verkehr  rechnete,  wie  Holstein,
nach  Mark  lübisch,  die  großen  Firmen  nach  einer  idealen  Münze,  Mark
Banco.

Die  günstige  Lage  der  Stadt  am  Eingang  des  größten  rein  deutschen
Flußgebietes  und  die  altbewährte  Handelstüchtigkeit  ihrer  Bevölkerung
kamen  trotz  aller  dieser  Hemmnisse  doch  zur  Geltung.  Erstaunlich  schnell
verharschten  die  Wunden,  welche  Davoust's  unbarmherzige  Hand  geschlagen;
der  Verkehr  wuchs,  und  die  große  Mehrzahl  der  zufriedenen  Bürger  verspürte
  keine  Lust,  auf  die  Reformvorschläge  einzugehen,  welche  Perthes
mit  einigen  anderen  weiterblickenden  Männern  im  Jahre  der  Befreiung
aufgestellt  hatte.  Die  wiederhergestellte  alte  Verfassung  von  1528  blieb
im  Wesentlichen  unverändert.  Der  halb  aus  Juristen  halb  aus  Kaufleuten
  gebildete  hochedle  und  hochweise  Senat  führte  wieder  die  Herrschaft
in  gutem  Einvernehmen  mit  den  beiden  Collegien  der  Oberalten  und  der
Hundertundachtziger,  die  auch  in  den  seltenen  Versammlungen  der  erbgesessenen
  Bürgerschaft  stets  den  Ausschlag  gaben.  Wie  so  oft  in  der
Geschichte  der  Hansa  zeigte  der  Rath  auch  jetzt  mehr  Einsicht  als  die
Bürgerschaft;  er  hielt  einige  kleinere  Verbesserungen  für  unumgänglich  und
erlangte  mindestens  die  Gleichstellung  der  christlichen  Bekenntnisse,  doch  die
Emancipation  der  Juden  vermochte  er  bei  der  Bürgerschaft  nicht  durchzusetzen.
  Leicht  war  das  Regiment  Ihrer  Wohlweisheiten  keineswegs.  Die
unberechenbare  patriarchalische  Willkür  der  Hamburger  Polizeiherren,  ihre