Volltext : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Vierter Teil. Bis zum Tode König Friedrich Wilhelms III. (27)

Die  Vereinigten  Niederlande.  31

behütet.  Ein  wunderbares  Glück  gestattete  dieser  Insel,  ihren  großartigen
Kampf  um  die  Beherrschung  der  Meere  unter  so  günstigen  Umständen
zu  führen,  daß  sie  erst  das  europäische  Gleichgewicht,  dann  die  allgemeine
Völkerfreiheit  zu  verteidigen  schien.  Der  von  Palmerston  angekündigte
Bund  Englands  und  aller  freien  Völker  blieb  viele  Jahre  lang  ein  unum—
stößlicher  Glaubenssatz  des  Liberalismus.  Nach  und  nach  begann  die  Welt
doch  zu  bemerken,  daß  diese  Politik,  die  so  gern  mit  ihren  unüberwindlichen
Flotten  prahlte,  nur  gegen  die  Schwachen  und  Willenlosen  Mut  zeigte,
vor  den  Starken  behutsam  die  Segel  strich.  Dann  fühlte  man  auch,
wie  wenig  Ernst  hinter  den  Freiheitsreden  des  Briten  lag,  wie  unfähig
er  war,  gerade  die  frischeste  Kraft  des  neuen  Völkerlebens,  das  erstarkende
Deutschland  zu  verstehen,  wie  kleinsinnig  er  das  natürliche  Wachstum  der
Mitte  Europas  zu  hemmen  suchte.  Endlich  ward  der  maßlose  englische
Hochmut  dem  Stolze  aller  Nachbarn  unerträglich,  seit  Palmerston  den
Briten  sein  civis  Romanus  sum  zurief  und  damit  alle  anderen  Nationen
als  Barbaren  neben  dem  einzigen  Kulturvolke  bezeichnete;  ein  ungeheurer
Haß  sammelte  sich  allmählich  auf  dem  Festlande  an,  Englands  einst
hochgefeierte  Staatskunst  verfiel  dem  allgemeinen  Mißtrauen,  zuletzt  der
Verachtung.  Als  Palmerston  starb  —  kurz  bevor  die  Sieger  von  Königgrätz
  die  ganze  Rechnung  seines  Lebens  mit  einem  blutroten  Zuge  durchstrichen
  —  da  war  sein  England  kaum  mehr  eine  europäische  Großmacht;
  der  Staat  war  hinausgewachsen  aus  dem  alten  Weltteil,  er
wahrte  nur  noch  seine  orientalischen  und  transatlantischen  Interessen,  in
den  Händeln  des  Festlandes  zählte  seine  Stimme  nicht  mit.

So  langsam  nahte  die  Vergeltung.  In  jenen  Tagen,  da  Lord
Palmerston  in  das  auswärtige  Amt  eintrat,  voll  Tatkraft  und  Lebenslust,
  unermüdlich  und  unergründlich,  treu  seinem  Wappenspruche  flecti
non  frangi,  gehoben  von  der  Gunst  der  liberalen  Tagesmeinung,  da  erschien
  er  dem  Wiener  Hofe  mit  Recht  als  ein  gewaltiger  Feind.  Mit
den  diplomatischen  Schreckbildern  der  liberalen  Pest,  des  jakobinischen
Krebses  und  der  revolutionären  Feuersbrunst  war  diesem  Meister  der
parlamentarischen  Redekunst  nicht  beizukommen.  —

Unter  allen  den  Erschütterungen,  welche  der  Juli-Revolution  folgten,
bedrohte  keine  den  Weltfrieden  so  unmittelbar,  wie  die  Erhebung  der  Belgier
  gegen  die  holländische  Herrschaft.  Bisher  war  trotz  so  mancher
Wirren  doch  mindestens  der  Länderbestand  der  neuen  Staatengesellschaft
unverändert  geblieben  —  denn  für  Griechenland  und  die  Türkei  galten
die  Wiener  Verträge  nicht:  —  jetzt  ward  er  plötzlich  an  seiner  verwundbarsten
  Stelle  zerstört.  Das  vielgerühmte,  von  den  Diplomaten  der
großen  Allianz  im  Wetteifer  gehegte  und  verstärkte  Bollwerk  des  europäischen
  Gleichgewichts,  das  neue  Königreich  der  Vereinigten  Niederlande
brach  bei  der  ersten  Prüfung  morsch  zusammen,  nicht  ohne  die  Mitschuld
seiner  Regierung,  doch  vornehmlich  durch  die  unheilbare  Schwäche  einer