Die Vereinigten Niederlande. 31
behütet. Ein wunderbares Glück gestattete dieser Insel, ihren großartigen
Kampf um die Beherrschung der Meere unter so günstigen Umständen
zu führen, daß sie erst das europäische Gleichgewicht, dann die allgemeine
Völkerfreiheit zu verteidigen schien. Der von Palmerston angekündigte
Bund Englands und aller freien Völker blieb viele Jahre lang ein unum—
stößlicher Glaubenssatz des Liberalismus. Nach und nach begann die Welt
doch zu bemerken, daß diese Politik, die so gern mit ihren unüberwindlichen
Flotten prahlte, nur gegen die Schwachen und Willenlosen Mut zeigte,
vor den Starken behutsam die Segel strich. Dann fühlte man auch,
wie wenig Ernst hinter den Freiheitsreden des Briten lag, wie unfähig
er war, gerade die frischeste Kraft des neuen Völkerlebens, das erstarkende
Deutschland zu verstehen, wie kleinsinnig er das natürliche Wachstum der
Mitte Europas zu hemmen suchte. Endlich ward der maßlose englische
Hochmut dem Stolze aller Nachbarn unerträglich, seit Palmerston den
Briten sein civis Romanus sum zurief und damit alle anderen Nationen
als Barbaren neben dem einzigen Kulturvolke bezeichnete; ein ungeheurer
Haß sammelte sich allmählich auf dem Festlande an, Englands einst
hochgefeierte Staatskunst verfiel dem allgemeinen Mißtrauen, zuletzt der
Verachtung. Als Palmerston starb — kurz bevor die Sieger von Königgrätz
die ganze Rechnung seines Lebens mit einem blutroten Zuge durchstrichen
— da war sein England kaum mehr eine europäische Großmacht;
der Staat war hinausgewachsen aus dem alten Weltteil, er
wahrte nur noch seine orientalischen und transatlantischen Interessen, in
den Händeln des Festlandes zählte seine Stimme nicht mit.
So langsam nahte die Vergeltung. In jenen Tagen, da Lord
Palmerston in das auswärtige Amt eintrat, voll Tatkraft und Lebenslust,
unermüdlich und unergründlich, treu seinem Wappenspruche flecti
non frangi, gehoben von der Gunst der liberalen Tagesmeinung, da erschien
er dem Wiener Hofe mit Recht als ein gewaltiger Feind. Mit
den diplomatischen Schreckbildern der liberalen Pest, des jakobinischen
Krebses und der revolutionären Feuersbrunst war diesem Meister der
parlamentarischen Redekunst nicht beizukommen. —
Unter allen den Erschütterungen, welche der Juli-Revolution folgten,
bedrohte keine den Weltfrieden so unmittelbar, wie die Erhebung der Belgier
gegen die holländische Herrschaft. Bisher war trotz so mancher
Wirren doch mindestens der Länderbestand der neuen Staatengesellschaft
unverändert geblieben — denn für Griechenland und die Türkei galten
die Wiener Verträge nicht: — jetzt ward er plötzlich an seiner verwundbarsten
Stelle zerstört. Das vielgerühmte, von den Diplomaten der
großen Allianz im Wetteifer gehegte und verstärkte Bollwerk des europäischen
Gleichgewichts, das neue Königreich der Vereinigten Niederlande
brach bei der ersten Prüfung morsch zusammen, nicht ohne die Mitschuld
seiner Regierung, doch vornehmlich durch die unheilbare Schwäche einer