Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Vierter Teil. Bis zum Tode König Friedrich Wilhelms III. (27)

Holländer  und  Belgier.  33

Krone  eigenmächtig  eingeführt.  Da  beide  Landesteile  durch  die  gleiche
Stimmenzahl  in  den  Generalstaaten  vertreten  waren,  die  Holländer  mit
dem  Stolze  des  Herrenvolkes  einmütig  zusammenhielten,  unter  den  bel—
gischen  Stimmen  aber  immer  einzelne  den  Winken  der  Regierung  folgten,
so  wurde  die  belgische  Mehrheit  von  der  holländischen  Minderheit  regel—
mäßig  überstimmt.  Holländer  bekleideten  weitaus  die  meisten  wichtigen
Stellen  im  Staatsdienst;  alle  Oberbehörden,  sogar  die  Verwaltung  der  den
Holländern  ganz  unbekannten  Bergwerke  erhielten  ihren  Sitz  in  Holland.
Durch  rücksichtslose  Einführung  der  holländischen  Staatssprache  verdarb
man  sich  sogar  unbedachtsam  die  köstliche  Gelegenheit,  dies  Land  der  ewigen
Sprachenkämpfe  friedlich  zu  germanisieren,  den  flamischen  Dialekt,  der  dem
holländischen  so  nahe  stand,  zur  Würde  einer  Schriftsprache  zu  erheben.
Den  alten  stürmischen  Freiheitstrotz  der  Genter  und  der  Brüggelinge
hatten  die  Jahrhunderte  der  Fremdherrschaft  längst  gezähmt;  aber  ge—
blieben  war  den  Belgiern  ein  störrisches  Mißtrauen  gegen  jede  Regierung.
Wie  sollten  sie  sich  auch  ein  Herz  fassen  zu  diesem  Könige  Wilhelm  I.,
der,  vom  Wirbel  bis  zur  Zehe  ein  protestantischer  Holländer,  mit  dem
Dünkel  seines  harten  Verstandes  auf  den  Aberglauben  seiner  katholischen
Untertanen  herabschaute  und  zudem,  unbekümmert  um  die  moderne  Lehre
von  der  Verantwortlichkeit  der  Minister,  nach  der  Weise  seiner  oranischen
Vorfahren  persönlich  regierte?

Das  wohlhabende  Bürgertum  hielt  sich  lange  still,  da  der  Wohl—
stand  wuchs  und  der  belgische  Gewerbfleiß  in  den  holländischen  Kolonien
lohnenden  Absatz  fand.  Zuerst  regte  sich  der  Widerstand  unter  dem  Adel
und  den  Geistlichen;  dann  folgten  die  von  ihren  Pfarrherren  geleiteten
Massen.  Die  Führer  der  Klerikalen  blickten  hoffend  nach  Frankreich
hinüber,  nach  der  Kongregation  des  Pavillons  Marsan.  Der  König  aber
führte,  wenig  wählerisch  in  den  Mitteln,  einen  geheimen  Krieg  gegen  die
Bourbonen,  er  begünstigte  unter  der  Hand  die  Anschläge  der  französischen
Unzufriedenen,  er  gewährte  ihren  Flüchtlingen  jahrelang  in  Brüssel  eine
Freistatt  und  bewirkte  also,  daß  der  belgische  Liberalismus  durch  diese
Gäste  ganz  mit  französischen  Gedanken  durchtränkt  wurde.  Der  Haß
gegen  die  Holländer  beförderte  zugleich  die  französische  Bildung  und  die
Macht  der  Kirche.  Der  scharf  bureaukratischen  Kirchenpolitik  des  Königs
trat  der  Klerus  mit  offenbarer  Unbotmäßigkeit  entgegen;  wieder  wie  in
Kaiser  Josephs  Tagen  klagte  er  über  Glaubensdruck,  weil  die  Staatsgewalt
  ein  geistliches  Seminar  in  Löwen  errichtet  hatte.  Den  maßlosen
Anklagen  der  Ultramontanen  antworteten  in  der  amtlichen  Presse  der
berüchtigte  Libry-Bagnano  und  seine  Genossen  mit  einer  Roheit,  die  ein
katholisches  Volk  empören  mußte.

Endlich,  in  denselben  verhängnisschweren  Tagen,  da  das  Ministerium
Martignac  zusammenstürzte,  sprach  der  O'Connell  Belgiens,  Louis  de

Potter,  das  entscheidende  Wort:  Union  der  Liberalen  und  der  Katholiken.
v.  Treitschke,  Deutsche  Geschichte.  IV.  3