Full text : Verhandlungen des Reichstags. 314. Band. (314)

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Reichstag.  —  195.  Sitzung.  Donnerstag  den  24.  Oktober  1918.

 

 

(Sche#üch,  Staats-  und  Kriegsminister.)

(A)  Kämpfe  des  Krieges  hatten  eine  Entwicklung  genommen,

die  jede  Erwartung  in  bezug  auf  den  Verbrauch  von
Munition  und  Kriegsgerät  weit  überschritt.  Es  handelte
sich  also  darum,  in  der  Heimat  sofort  die  Hilfsmittel  in
Angriff  zu  nehmen,  die  für  Fälle  der  Not  vorgesehen
waren.  Man  ging  dazu  über,  neben  den  Stahl=  und
Stahlgußgranaten  auch  Graugußgranaten  herzustellen.
Diese  Graugußgranaten  mußten  so  lange  in  größerer  Menge
hergestellt  werden,  als  nicht  die  Möglichkeit  bestand,
Stahlgranaten  in  genügendem  Umfange  herzustellen.
Diese  Möglichkeit  war  im  Jahre  1916  erreicht,  und
infolgedessen  gingen  im  Jahre  1916  die  Bestellungen  auf
Graugußgranaten  zurück.
(Hört!  hört!  rechts,  Zurufe  links.)

Meine  Herren,  der  Maßstab  für  unsere  Munitionsherstellung
ist  niemals  der  Stahl  oder  der  Grauguß  oder  etwas  Ahnliches
  gewesen,  sondern  ist  und  bleibt  die  Pulverherstellung;
das,  was  wir  an  Pulver  herstellen  können,  gibt  den
Umfang  dessen  an,  was  wir  an  Granaten  herstellen  können,
und  das  bildete  auch  im  Jahre  1916  die  Grenze  für
unsere  Bestellungen.

Und  nun  kommtnoch  eins  hinzu,  meine  Herren,  wir  sind
sehr  oft  zu  Umstellungen  in  der  Munitionsherstellun
gezwungen.  Je  nach  der  Art  der  Kampfhandlungen  41
einmal  ein  stärkerer  Bedarf  an  Feldartilleriemunition  und
einmal  an  schwerer  Artilleriemunition.  Das  schwankt
selbstverständlich  für  die  nächsten  Wochen  und  Monate,
bis  der  Ausgleich  erfolgt  ist  in  den  Bedarfs=  und  in  den
Bestellungsziffern.  Das  sind  ganz  klare  Dinge;  aber
nicht  klar  werden  sie  oft  durch  die  interessierten  Industriellen
wiedergegeben.  Der  interessierte  Industrielle  klagt:  bei
mir  hat  man  die  Granatenbestellung  vom  nächsten  Monat
ab  zurückgeschraubt.  Warum?  Weil  man  die  Granaten
nicht  mehr  braucht!  Und  die  Antwort,  die  ich  allgemein
hier  geben  kann,  ist  die:  die  Munitionsherstellung  ist  seit

(Bo)  Beginn  des  Krieges  in  ständigem  Steigen  begriffen,  sie

steigt  noch  in  den  letzten  Monaten  dauernd  aufwärts,  und
niemals  ist  gegenuber  der  Obersten  Heeresleitung  in  bezug
auf  die  Herstellung  der  Munition  nicht  das  gehalten  worden,
was  sie  von  uns  verlangte.  Ich  hatte  noch  neulich  Gelegenheit,
  einem  Herrn  der  Presse,  der  darüber  orientiert
sein  wollte,  sagen  zu  können,  daß  wir  mit  Munition  und
Geräten  auf  das  Beste  ausgestattet  sind,  daß  wir  in  der
Lage  gewesen  sind,  trotz  der  Ausfälle  und  trotz  Verluste
die  Forderungen  des  Feldheeres  restlos  zu  erfüllen.
(Hört!  hört!  rechts.)

Meine  Herren,  der  Abgeordnete  Stresemann  ist  in
gleichem  Zusammenhange  auf  die  Tanks  gekommen.  Wir
stehen  hier  dem  großen  Nachteil  gegenüber,  daß  unsere
Gegner,  sowohl  was  die  Konstruktion  wie  nachher  auch
die  Massenfertigung  anbetrifft,  Amerika  hinter  sich  hatten
und  noch  haben,  und  wir  waren  auf  uns  allein  angewiesen.


(Hört!  hört!  rechts.)

Panzerwagen  haben  wir  schon  vor  dem  Kriege  gehabt.
Als  Kampfkraftwagen  spielte  dieses  Modell  aber  keine
Rolle.  Die  Verwendung  im  Kriege  war  abhängig  davon,
daß  wir  ein  Gefährt  konstruieren  konnten,  das  sämtliche
  Hindernisse,  die  künstlichen  Hindernisse  und  die
natürlichen  Geländehindernisse,  überwinden  konnte,  und
das  hatte  zu  Beginn  des  Krieges  noch  niemand
erfunden  gehabt.  In  Amerika  ist  im  Jahre  1916
die  Raupenkette  erfunden  worden,  und  sie  wurde  verfügbar
  für  unsere  Feinde.  Wir  sind,  sobald  das  bekannt
  wurde,  in  die  Konstruktionen  eingetreten.  Daß  wir
nicht  sofort  in  die  Massenanfertigung  eintreten  konnten,
nachdem  im  folgenden  Jahre  die  Versuche  bei  uns  beendet
waren,  liegt  an  der  Beschränktheit  unserer  Industrie.  Wir
mußten  das  Notwendigere  schaffen.  Wir  mußten  Kanonen
schaffen;  wir  mußten  Munition,  Gewehre  und  Maschinen- 



gewehre  schaffen,  und  es  war  nicht  die  Möglichkeit  ge=  (O
geben,  in  dem  Umfange,  wie  man  es  gern  getan  hätte,
Tanks  zu  schaffen.  Aber,  was  man  sofort  geschaffen  hat,
war  die  Herstellung  der  nötigen  Tankabwehr,  und  da  ist
Gutes  geleistet  worden.

Der  Herr  Abgeordnete  Stresemann  hat  geglaubt,
unserer  ganzen  Kriegstechnik  und  der  Ausnutzung  der
Kriegstechnik  ein  schlechtes  Zeugnis  ausstellen  zu  müssen.
Dem  kann  ich  nicht  beistimmen.  Wir  sind  in  kriegstechnischer
Bezlehung  vorangeblieben.  In  welchem  Lande  sind  die
Geschütze,  die  unter  dem  Namen  „Dicke  Bertha“  und
„Langer  Heinrich“  bekannt  wurden,  aufgetreten?  Wo  ist
ein  Geschütz  aufgetreten,  dessen  Möglichkeit  man  als  Fabel
bezeichnete?  Bei  uns!  Wie  ist  es  mit  unseren  Maschinengewehren
  gewesen?  Sie  waren  mustergültig  und  wurden
von  den  feindlichen  Staaten  nachgeahmt.  Das  Zeugnis
muß  man  unserer  Kriegstechnik  und  unserer  kriegstechnischen
Heeresverwaltung  ausstellen,  daß  sie  dauernd  Vorzügliches
geleistet  hat,  und  daß  sie  einen  starken  Anteil  an  unseren
militärischen  Erfolgen  hat.  «

Meine  Herren,  ich  komme  zum  Schluß  und  möchte  die
Bitte  um  Vertrauen,  die  ich  vorher  an  das  hohe  Haus
gerichtet  habe,  auf  die  Nüe  zm  Hilfe  dahin  ausdehnen,

uruf)
daß  wir  die  Kräfte  personeller  und  materieller  Art,
die  im  Lande  verfügbar  sind,  nun  auch  wirklich  verfügbar
machen.
(Bravol  rechts.)

Da  können  Sie  alle  mithelfen;  Sie  können  mithelfen  in
diesem  Hause  mit  Ihren  Worten;  Sie  können  draußen
helfen  in  Wort  und  Schrift  überall,  wo  Sie  hinkommen;
Sie  können  immer  helfen  im  Sinne  der  Schlußworte  des
Herrn  Reichskanzlers  von  vorgestern,  daß  wir  dem  Heere
alles  das  zuführen,  was  das  Heer  jetzt  braucht.  Denn
für  uns  handelt  es  sich  jetzt  unter  Umständen  darum,  dem

Vernichtungswillen  unserer  Feinde  den  deutschen  Kampfes=  (O)

willen  entgegenzustellen.
(Lebhaftes  Bravo  rechts.  Zischen  bei  den  Sozialdemokraten.
  —  Wiederholter  lebhafter  Beifall  und
Händeklatschen  rechts.)

Präsident:  Das  Wort  hat  der  Herr  Abgeordnete
Noske.

Noske,  Abgeordneter:  Meine  Herren,  der  Herr
Kriegsminister  hat  offenbar  noch  immer  nicht  erkannt,  um
was  es  sich  in  Deutschland  handelt.

(Lebhafte  Zustimmung  und  Zurufe  bei  den
Sozialdemokraten.)
Meine  Herren,  daß  die  Erklärung  des  Herrn  Kriegsministers
  aus  dem  Rahmen  neuer  Regierungserklärungen
herausfiel,  wundert  uns  nicht.  Wir  haben  nicht  daran
geglaubt,  daß  die  Vertreter  des  alten  militaristischen
Systems  die  Fähigkeit  besitzen,  rasch  umzulernen.
(Zurufe  rechts.)
—  Meine  Herren,  auch  das  wird  anders  werden!
(Ahal  rechts.)

In  bezug  auf  die  Tankfrage,  hätte  der  Herr  Kriegsminister

  besser  geschwiegen,

(lebhafte  Zustimmung  links)
ebenso  in  bezug  auf  die  Beschaffung  von  manchem  anderen
Kriegsmaterial.  Ich  will  sehen,  ob  ich  nachher  Zeit
finde,  darüber  mehr  zu  sagen.

Meine  Herren,  hoffentlich  bringen  die  nächsten
Stunden  schon  den  Beweis  dafür,  daß  die  Politik  der
neuen  deutschen  demokratischen  Regierung  alle  Völker
dem  Frieden  beträchtlich  näher  gebracht  hat.  Wir  werden
abwarten,  in  voller  Würde  und  in  stolzem  Vertrauen  auf
das,  was  Deutschlands  Volk  bisher  geleistet  hat  und
später  leisten  kann,  wie  dieser  Friede  sich  gestaltet.  Die
Imperialisten  Frankreichs  und  Englands  jubelten  bis  in