Full text : Denkwürdigkeiten des Fürsten Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst. Zweiter Band. (2)

200  Botschafter  in  Paris  (1874  bis  1885)

einige  ablassen  wird,  so  zweifle  ich  nicht,  daß  man  sie  mit  offenen  Armen
empfangen  wird.

Ferner  erzählte  die  Gräfin  Fontenille,  daß  der  Herzog  von  Croy
und  die  Herzogin  von  Ossuna  entschlossen  seien,  sich  nach  dem  Tode  des
Herzogs  zu  heiraten.  Unterdessen  leben  sie  als  gute  Nachbarn.  Der  alte
Ossung  kann  aber,  wie  alle  Troddel,  sehr  lange  leben  und  die  Berech
  nung  sich  als  irrig  erweisen.

Die  Gräfin  Fontenille  ist  ihrer  Personalkenntnis  wegen  eine  sehr
schätzenswerte  Bekanntschaft.

Paris,  1.  September  1876.

Gestern  machte  ich  die  Bekanntschaft  des  Kriegsministers.!)  eines
feinen,  gebildeten  Offiziers,  mit  dem  sehr  gut  zu  verkehren  ist.

18.  September.

Heute  Morgen  den  Großherzog  von  Sachsen-Weimar  bei  der  Abreise
nach  Biarritz  am  Bahnhofe  bekomplimentiert  mit  Stumm  und  Arco.  Da
es  noch  zu  früh  war,  machten  wir  einen  Spaziergang  in  den  Jardin  des
Plantes.  Der  Großherzog  war  sehr  erfreut  über  unfre  Aufmerksamkeit.

Erlanger,  der  eben  bei  mir  war,  sagt,  daß  das  Gerücht,  der  König
von  Bayern  sei  in  Geldverlegenheit,  erfunden  ist.  Wenn  der  König  Geld
brauche,  so  wende  er  sich  an  seinen  Vater,  der  ihm  fünfhunderttausend
Gulden  zu  keiner  Zeit  verweigern  werde.  Ebenso  unsinnig  sei  die  Behauptung,
  daß  hier  ein  Konsortium  gebildet  worden  sei,  um  dem  König
Geld  zu  verschaffen.

Varzin,  28.  September  1876.

Am  26.  kam  ich  von  Paris  in  Berlin  an.  Heute  früh  Abreise  nach
Varzin.  Dort  angekommen  zum  Essen  um  6  Uhr.  Zuerst  kam  die  Rede
auf  ein  Bild  der  Berliner  Ausstellung,  wo  Bismarck  den  Kaiser  Napoleon
bei  Sedan  zu  Pferde  begleitet.  Das  veranlaßte  den  Reichskanzler,  jenen
ganzen  Vorgang  noch  einmal  zu  erzählen.

Um  5  Uhr  früh  kam  General  Reille  zu  Bismarck  nach  Donchery  und
sagte  ihm,  der  Kaiser  Napoleon  wolle  ihn  sprechen,  er  sei  schon  auf  dem
Wege  zu  ihm.  Bismarck  zog  sich  rasch  an,  ließ  ein  Pferd  satteln  und
ritt  dem  Kaiser  entgegen.  Diesen  fand  er  in  einer  niedrigen  viersitzigen
Droschke  mit  drei  Generalen.  Er  hielt  an,  stieg  vom  Pferde  und  begrüßte
den  Kaiser.  Dieser  war  anfangs  betroffen,  als  er  aber  sah,  daß  Bismarck

1)  General  Cissey  war  am  17.  August  entlassen  und  durch  General  Berthaut
ersetzt  worden.