Vier Briefe über Bizsmarckz socialpolit. u. volkswirischaftl. Bedeutung. 27
Phasen der absterbenden absolutistisch liberalen Bureaukratie vor Augen
gehabt hatten. Über die Neugestaltung der großen Unternehmungen im
Sinne einer fortschreitenden Socialpolitik vermochte er sich keine deutlichen
Vorstellungen zu machen. Ebenso stand er der neuen Selbstverwaltung,
der Reform der ländlichen Gutsbezirke und Gemeinden, der
Notwendigkeit einer veränderten Heranbildung der Beamten wohl mit
einzelnen richtigen praktischen Erfahrungen und Ratschlägen, aber doch
mehr kritisch und unproduktiv gegenüber.
Man hat gesagt, er habe nicht pädagogisch gewirkt, und das ist
richtig, daß er von den großen Aufgaben des Tages ganz hingenommen,
sich um die langsam erziehende Umbildung, welche die Institutionen und
Carrieren, die Vorbildung der Beamten und ähnliches haben können, nicht
so sehr kümmerte. Er verbrauchte die Menschen, die ihm zunächst standen.
Er klagte immer, weder im Auswärtigen Amte, noch sonst die rechten
Leute zu finden. Aber er that nichts, das zu ändern. Man kann fast
sagen, er habe eine abgenützte Beamtenmaschine hinterlassen, wie Friedrich
der Große. Kurz, jeder Mensch, auch der größte, hat die Fehler seiner
Tugenden und jeder ist ein Sohn seiner Zeit und ihrer Gedanken, ein
Produkt seiner Laufbahn. Bismarck steht in volkswirtschaftlicher und
socialpolitischer Beziehung auf der Grenzscheide zwischen einem manchesterlich
und einem socialistisch gefärbten Zeitalter. Er mußte nach
seiner Persönlichkeit, seinen Erfahrungen, seiner Lebensaufgabe eine eigentümliche
Kombination dieser zwei Ideenrichtungen darstellen. Er konnte
nicht ohne eine gewisse socialistische Ader sein, weil er die sociale Umbildung
der Klassen und die ganze Neugestaltung der Volkswirtschaft
im allgemeinen richtig erfaßt hatte, weil er ein zu stolzer Preuße und
Monarchist war, zu groß vom Staate und seiner Aufgabe dachte, zu
sehr die Flachheit und Kurzsichtigkeit der Manchestertheorie, wie sie die
ihm seindlich gegenüberstehende Bourgeoisie 1850—75 predigte, einfah.
Aber er war andererseits ein knorriger Aristokrat, der in seinem Hause,
auf seinem Gut, in seiner Fabrik von keinem Staatsbeamten kontrolliert
sein wollte. Er war ein Landedelmann, der seine Arbeiter gut hielt,
aber auch ganz allein — ohne den Nacker Staat — mit ihnen patriarchalisch
fertig werden wollte. Er war ein zu guter Menschenkenner,
um nicht den Wahnwitz allgemeiner Gleichheit und die kindliche Hoffnung
auf die allgemeine Glückseligkeit und die Zufriedenheit aller Menschen
für eitel Dunst zu erklären. Er liebte sein Werk, das neue Deutsche
Reich, zu sehr, um es revolutionären und fanatischen Socialexperimenten
preisgeben zu wollen. Er lebte so realistisch in der Gegenwart, daß ihm
der Blick für große zukünftige sociale Fortschritte, zumal im Alter, öfter
verloren ging.