Volltext : Die Geschichte Württembergs.

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Fortsetzung.  Rückblick.  Kandplagen.  Der  große  Judenmord.

„Schicket  euch  in  die  Zeit,  denn  es  ist  böse  Zeit.“
Ephes.  5,  16.

„Der  Inde  wird  verbrannt.““
Aus  vem  Mittelalter.

Politische  Unordnung  und  Zuchtlosigkeit  der  Kirche  waren  aber  nicht  die
einzigen  Lasten,  unter  welchen  die  Völker,  und  namentlich  Deutschland  im  13.  und
14.  Jahrhundert  seufzten.  Furchtbare  Erscheinungen  am  Himmel  schreckten  die
Menschen  auf.  So  war  im  Jahr  1337  ein  großer  Komet  erschienen,  auf  den  in
den  drei  folgenden  Jahren  Heuschreckenschwärme  kamen,  die  alles  Grüne
auffraßen,  weßhalb  eine  gräßliche  Hunger  Snoth  ausbrach.  Auf  sle  folgte  1348
ein  furchtbares  Erdbeben,  das  sich  1356  wiederholte.  Es  verwüstete  Cypern,
Griechenland,  Italien  und  die  Alpenthäler  bis  Basel.  In  Kärnthen  wurden  die
Stadt  Villach  und  30  Ortschaften  zerstört.  1350  kam  eine  Pest,  der  schwarze
Tod,  aus  China  über  ganz  Asien  zu  uns.  Die  Menschen  waren  plötzlich  mit
schwarzen  Blattern  überzogen  und  gewöhnlich  auf  der  Stelle  todt.  In  vielen
Städten  starb  die  Hälfte  oder  ein  Drittel  der  Einwohner,  z.  B.  in  Straßburg
16000,  in  Basel  14000.

Allgemeine  Furcht  lastete  auf  den  Gemüthern,  die  sich  endlich  in  wüthendem
  Haß  und  zügelloser  Verfolgung  gegen  die  Juden  Luft  machte.  Die  Juden
  waren  längst  in  den  Städten  wohnhaft  gewesen,  wurden  jedoch  nur  geduldet
  und  mußten  dafür  dem  Kaiser  Steuern  zahlen.  Sie  hießen  daher  des  h.
römischen  Reiches  Kammerknechte.  Meist  lebten  ste  unter  hartem  Druck  in  eine
enge  Straße  eingesperrt  (Judengasse),  weil  sie  keinen  Grund  und  Boden  kaufen,
noch  an  einer  Zunft  theilnehmen  durften.  Ihr  Hauptgeschäft  war  der  Handel
(sie  sollen  sogar  Menschenhandel  getrieben  haben),  Leihen  auf  Pfänder  und  Wucher,
  denn  sie  allein  durften  Zinse  erheben,  während  dies  den  Christen  durch
Kirchengesetze  verboten  war.  Diesen  Wucher  trieben  die  Juden  endlich  auf  die
himmelschreiendste  Weise  1).  Den  kriegslustigen  Fürsten  hatten  sie  gegen  ungeheure
  Zinse  und  Verpfändungen  Geld  geliehen,  und  dies  alles  sollte  nachgehends
vom  Volke  bezahlt  werden.  Kaiser  Ludwig  hatte  sogar  im  Jahr  1342  den  Juden
verbieten  müssen,  in  Zukunft  mehr  als  50  Prozent  Zinsen  zu  fordern.  Andererseits
  kann  dieser  betrügerische  Wucher  der  Juden  auch  in  etwas  entschuldigt  werden.
Ohne  Heimat  und  Bürgerrecht,  verachtet  und  verhöhnt  irrten  sie  umher  und
konnten  sich  die  Gunst  eines  Fürsten  nur  durch  Geld  erwerben.  Verloren  sie  dieselbe
  oder  wollte  etwa  der  Kaiser  einem  kleinen  Fürsten  einen  Gefallen  erweisen,
so  wurde  dieser  aller  seiner  Judenschulden  entbunden  und  der  Jude  konnte  gehen.
Weil  er  also  nirgends  Recht  und  Gerechtigkeit  fand,  so  suchte  er  seine  Stütze  in
großem  Geldbesitz.  —  Als  die  Heuschreckenschwärme  ihren  verheerenden  Zug
durch  viele  Länder  machten,  erklärte  man  diese  Plage  für  elne  göttliche  Strafe,
well  die  Juden  mit  geweihten  Hostien  Mißbrauch  getrieben  haben  sollten  2).

1)  So  erzählt  eine  Chronik,  daß  sich  ums  Jahr  1280  die  Jnden  auch  in  Calw
eingefunden  „deren  die  Stadt  wohl  empfunden,  die  aber  sonderlich  das  Kloster  Hirschau
mit  ihrem  Wucher  übel  zugerichtet  und  ausgemergelt  haben.“

2)  Man  fand  blutige  Hostien  auf,  die  jedoch  ihre  rothe  Farbe  von  einem  Schimmel
oder  Pilz  erhalten  hatten.  „Ein  Geistlicher  bekannte  in  der  Beichte,  eine  solche  blutige,
eigentlich  schimmelige  Hostie  mit  Absicht  vor  das  Haus  eines  Inden  gelegt  zu  haben,
um  Judenmord  und  Plünderung  zu  veranlassen.“