Metadata : Staatsbürgerliche Belehrungen in der Kriegszeit. Band 1. (1)

170  Georg  Bernhard

die  Menschen  Hrivatbesitz  an  Diehherden  und  an  Ackerland,  mittels  deren
sie  in  der  Lage  waren,  nicht  nur  für  den  Eigenbedarf,  sondern  darüber  hinaus
zu  Tausch=  oder  Derkaufszwecken  Dinge  zu  erzeugen,  deren  Absatz  ihnen
Autzen  brachte.  In  diesem  Sinne  hat  es  denn  auch  Kapital  und  Kapi—
talisten  schon  im  Altertum  gegeben,  und  in  jenen  Vorzeiten  war  es  auch
durchaus  nichts  Seltenes,  daß  einzelne  Leute  Teile  der  Erträgnisse  aus  solcher
Betätigung  dazu  benutzten,  nicht  neues  Acker=  oder  Weideland  oder  neue
Diehbestände  zu  kaufen,  sondern  ihre  Uberschüsse  anderweitig  anzulegen:
Sie  sammelten  Schätze  aller  Art,  häuften  Gold,  Silber,  Geschmeide,  Bildwerke
  und  TLTuxussklavinnen  oder  beteiligten  sich  an  Handelsgeschäften  und
rüsteten  für  Leute,  die  ihr  Leben  in  der  Seefahrt  einsetzen  wollten,  Schiffe
für  den  Seehandel  aus,  der  damals  noch  mehr  oder  weniger  den  Charakter
des  Seeraubes  (mindestens  aber  des  Seebetruges)  trug.

Im  Gegensatz  zu  diesem  mehr  oder  weniger  an  die  Erzeugung  der
Urgüter  oder  an  den  HZandel  mit  solchen  Erzeugnissen  gebundenen  Ka—
pitalismus  steht  der  „industrielle  Kapitalismus“.  Die  Herstellung
von  Gebrauchsgütern  außerhalb  der  Landwirtschaft  war  viele  Jahrhunderte
hindurch  die  Aufgabe  des  Handwerks.  Mit  mehr  oder  weniger  unvollkommenem
  Handwerkszeug  befriedigte  der  Handwerker  den  industriellen
Bedarf,  der  auf  dem  Wege  der  Bestellung  an  ihn  herantrat.  Der  Hhandwerker
  erzeugte  nicht,  oder  doch  nur  wenig  mehr  als  das,  was  bei  ihm  bestellt
  wurde.  Denn  weder  war  er  nach  seinen  Arbeitsmethoden  in  der  Lage,
mehr  zu  erzeugen,  als  verbraucht  wurde,  noch  hätte  er  für  seine  Mehrerzeugung
  Absatz  gefunden,  da  die  Begrenztheit  der  Derhältnisse  seinen
Abnehmerkreis  auf  die  Stadt,  in  der  er  wohnte,  oder  auf  deren  nähere  Umgebung
  beschränkte.  Erst  die  Maschine  —  zugleich  die  Dervollkommnung
und  die  Derdrängerin  des  Handwerkzeuges  —  schuf  die  Möglichkeit,  an  einem
Orte  von  einem  bestimmten  Erzeugnisse  erheblich  größere  Mengen  herzustellen,
  als  an  diesem  Orte  verbraucht  werden  konnte.  Das  hätte  an  und  für
sich  noch  gar  keinen  besonderen  Wert  gehabt.  Denn  was  wollte  in  der  Begrenztheit
  der  mittelalterlichen  Stadtwirtschaft  z.  Z.  ein  ehrsames  Mitglied
der  Nürnberger  Schuhmacherzunft  mit  tausend  Haar  Stiefeln  anfangen,
die  er  mittels  einer  sinnreich  konstruierten  Maschine  hätte  herstellen  können.
Ihm  hätten  die  Abnehmer  gefehlt.  Die  Maschine  hatte  erst  Wert,  als  auch  für
die  vergrößerte  Herstellungsmöglichkeit  ein  erweitertes  Absatzgebiet  vorhanden,
  als  infolge  der  Derbesserung  der  Derkehrswege  und  der  Derkehrstechnik
immer  mehr  Schranken,  die  Stadt  von  Stadt,  Hrovinz  von  Hrovinz  und
Staat  von  Staat  getrennt  hielten,  niedergerissen  waren.  Die  Maschine,  die
Mutter  der  Massenproduktion,  und  der  Markt,  der  den  Massenabsatz
garantiert,  gehören  zusammen.  Tun  wird  nicht  mehr  vom  Erzeuger  die
Bestellung  einzelner  Verbraucher  ausgeführt,  sondern  der  Erzeuger  stellt
so  viel  her,  wie  seine  Maschinen  hervorbringen  können.  Sein  Erzeugnis  wird
zur  Ware,  die  er  auf  den  Markt  schickt,  um  Käufer  zu  suchen.  Darin,  daß
nach  Maßgabe  der  Erzeugungzkraft  der  Fabriken  Güter  für  den  Absatz
an  eine  unbestimmte  Käufermenge,  d.  h.  Waren  produziert  werden,
liegt  das  Wesen  des  neuzeitlichen  Industriekapitalismus.  Aus  den  Gewinnen,