Full text : Kaiser Wilhelm II. Aus meinem Leben 1859-1888.

Dem  Korps  der  Borussen  hatte  mein  Bater  seinerzeit  angehört,
und  so  war  es  nur  natürlich,  daß  auch  ich  den  weißen  Stürmer
tragen  sollte.  In  diesem  Kreise  froher  Jugend  habe  ich  wundervolle
  Zeiten  verlebt,  alle  Pflichten,  die  das  Korps  an  mich  stellte,
erfüllt,  alle  Beranstaltungen,  nur  Student  unter  Studenten,  frohgemut
  mitgemacht.  Der  Geist,  der  unter  diesen  jungen  Leuten  gepflegt
  wurde,  war  vortrefflich,  die  Begriffe  König  und  Baterland
stellten  die  höchsten  Ideale  dar,  die  Erziehung  zu  Staatsgesinnung,
Pflichterfüllung  und  Kameradschaft  war  vorbildlich.  Auf  Disziplin
wurde  streng  gehalten,  doch  ohne  berechtigtem  Frohsinn  Gewalt  anzutun.


Als  Beispiel  für  die  Lebensklugheit,  mit  der  diese  lustigen  und
lebensfrohen  jungen  Herren  verfahren  konnten,  möchte  ich  ein  kleines
Erlebnis  aus  meiner  Studienzeit  hierher  setzen.  Ein  hochstehender
Alter  Herr  aus  altem  Adelsgeschlecht,  Kammerherr  an  unserem  Hofe,
liebte  es  bei  seinen  Besuchen,  unter  der  Maske  scheinbaren  Berauschtseins
  andere  zu  necken,  zuweilen  sogar  beleidigende  Bemerkungen  zu
machen.  Das  Korps  trat  zu  einem  Konvent  zusammen  und  faßte
den  sehr  vernünftigen  Beschluß,  dem  Friedensstörer  „Narrenfreiheit
zu  erteilen".  Dies  bedeutete,  daß  seine  Anrempelungen  niemals  als
Beleidigungen  aufgefaßt  werden  durften,  sondern  als  Narrenstreiche
auch  von  den  Betroffenen  belacht  werden  sollten.  Der  Alte  Herr,
der  von  diesem  Beschluß  keine  Kenntnis  hatte,  war  nicht  wenig  erstaunt,
  als  er  bei  seinen  Anzapfungen  nur  noch  schallende  Hetterkeit,
aber  keine  Pikiertheit  zu  erzielen  vermochte,  so  daß  er  das  Bergnügen
bald  aufgab  —  sehr  zur  allgemeinen  Erleichterung.

Zu  den  Schattenseiten  gehörte,  wie  nicht  zu  leugnen  ist,  das  starke
Trinken,  und  ich  habe  in  dieser  Bezkehung  damals  und  später  das
meine  getan,  um  dieser  Unsttte  zu  steuern,  hoffentlich  wird  die  sportliche
  Bewegung,  die  jetzt  durch  Deutschland  geht,  die  letzten  Ubelstände
  besektigen.  Ich  selbst  war  nicht  aktiv,  sondern  nur  „Kon-11*

  163