206 . Studien über
So viel, als irgend möglich, sucht natürlich die Ortsarmenpflege
zu helfen und namentlich verdient die Geistlichkeit in solchen
armen Orten meistens die allergrösste Hochachtung wegen ihres
aufopfernden Benehmens; aber wo die Meisten theils geradezu
Mangel leiden, theils wenigstens nur das Nolhdürfligste haben,
kann begreiflich die eigene Kraft nicht ausreichen. Die Gesammtheit
muss helfend eintreten und es geschieht in der That aus
allgemein öffentlichen und Privatmitteln jelzt schon geraume
Zeit Jahr für Jahr ausserordentlich viel zur Linderung der Noth,
freilich nur zur Linderung, nicht zur Hebung, und auch die Linderung
kann bei dem ausgedehnten Bedürfniss keine grosse sein.
Ein Glück ist es zu nennen, wenn unler solchen Verhältnissen
ausgebreiteten und zunehmenden Elends nicht auch die
allgemein sitllichen Zustände zurückgehen. Aber es ist eine
allgemeine Erfahrung, dass, wenn die Leute wirthschaftlich recht
herunterkommen, dann nimmt auch der Fleiss und vorsichtige
Sparsamkeit ab, dann machen sich die Leute auch nicht mehr
viel daraus, Unterstützungen annehmen zu müssen, und ihre
Verpflichtungen gegen Gläubiger und Gemeindekasse nicht mehr
erfüllen zu können. Böse Gelüste erfüllen dann mehr und mehr
das Herz. Kapitalisten und Beamte sieht man als die natürlichen
Feinde an. Anstalt in sich selbst die Schuld zu suchen, schenkt
man lieber denjenigen Glauben, welche sich ein Geschäft daraus
machen, das Volk zu verführen und ihm tagtäglich vorzupredigen,
die Regierung und die Organisation der Gesellschaft, die angebliche
Uebermacht des Kapitals über die Arbeit sei Schuld
an dem Nothstand und nicht der eigene Leichtsinn und der
Mangel an pflichtmässiger Vorsicht und Selbstbeherrschung im
Leben, die durch keine Organisation, kein Gesetz und keine
Verfassungsänderung ersetzt werden kann, sie mag Namen:
führen, welchen sie will.
Dass diese Schilderung des traurigen Zustandes eines sehr
grossen Theils unserer Gemeinden, namentlich im eigentlichen
Unterland und im Schwarzwald nicht übertrieben ist, davon kann
jeder Blick in unsere Zeitungen, jede persönliche Erkundigung
bei Beamten und Geistlichen, jede Sitzung unserer Ständekammern
die volle Ueberzeugung geben. Aber man wird vielleicht