Die Reichobant vom Kriegsende bis zur Stabilisierung der Marl (1918 1923) 111
Reichsbankverwaltung war deshalb unausgesetzt bemüht, die Verwendung des
Handelswechsels im geschäftlichen Verkehr durch fortgesetzte Anregungen nach
Kräften zu fördern. Selbstverständlich konnte sie Diskontkredite nur für volkswirtschaftlich
notwendige und berechtigte Zwecke zur Verfügung stellen. Kredite
zum Zwecke der Spekulation, zum Aufkauf von Gold und Devisen oder zur
Anschaffung von Waren über den normalen Bedarf hinaus und zur Beschaffung
fehlenden Anlagekapitals waren von vornherein ausgeschlossen. Dementsprechend
hob sich der Bestand an Handelswechseln während des Jahres 1922 erheblich.
Während der Wechselbestand der Reichsbank am 31. Dezember 1921 nur
1 Milliarde Mark betragen hatte, war er bis zum 31. Dezember 1922 auf
422,2 Milliarden Mark gestiegen, was auch unter Berücksichtigung der starken
Geldentwertung während des Jahres eine außerordentliche Vermehrung bedeutete.
Gemessen an der inneren Kaufkraft der Mark, betrug der Wert der
Wechsel trotz ihres Anwachsens nur etwa 40% der in der Vorkriegszeit diskontierten
Wechselbestände. Dagegen umfaßte das Portefenille der Reichsbank fast
die Hälfte des deutschen Wechselumlaufs, während es in der Vorkriegszeit kaum
ein Achtel enthalten hatte. Gegenüber dem Bestande an Inlandswechseln
trat das Auslandswechselportefeuille immer mehr zurück. Das Geschäft in Kurssicherungstratten
stellte die Reichsbank als nicht mehr im Bedürfnis liegend ein.
Im Jahre 1923 wurde durch die Besetzung des Ruhrgebietes eine Entwicklung
eingeleitet, die das Wirtschaftsleben auf das allerschwerste schädigte. Der
passive Widerstand war mit der Stillegung zahlreicher Betriebe verbunden. Aber
auch die weiterarbeitenden Betriebe mußten in Ermangelung des Absatzes ihrer
Erzeugnisse in großem Umfange auf Lager arbeiten. Die Folge war ein Anwachsen
des Kreditbedürfnisses, das um so schwerer wog, als die privaten Kreditinstitute
in der Kreditgewährung große Zurückhaltung übten. Angesichts der
dadurch bedingten schweren Gefährdung der Wirtschaft sah sich die Reichsbank
veranlaßt, den Kreditanträgen des alt- und neubesetzten Gebietes entgegenzukommen.
Für die Fälle, in denen der normale Bankkredit versagte, trat die
Hilfskasse für gewerbliche Unternehmungen ein. Die Reichsbank arbeitete mit
ihr Hand in Hand und richtete im Interesse einer zweckmäßigen Verteilung der
Kredite für das besetzte Gebiet an geeigneten Orten dieses Bezirks besondere
Kreditberatungsstellen ein. Angesichts der immer dringender werdenden Kreditbedürfnisse
und mit Rücksicht darauf, daß die geschäftliche Tätigkeit der Reichsdarlehnskassen
im besetzten Gebiete schwer gefährdet war, entschloß sich die
Reichsbank zur Einrichtung eines „Notlombards“. Dies geschah in der Art,