Der 18. und 19. März 1848. 531
des Aufstandes schwer zu vereinbaren gewesen. Um Mitternacht setzte der König
eigenhändig die berühmte Proklamation „An Meine lieben Berliner“ auf, in
der er die väterliche Mahnung aussprach, man möge zum Frieden zurückkehren
und die Barrikaden wegräumen, daun gebe er sein königliches Wort, daß die
Truppen zurückgezogen werden sollten. Die Nacht hindurch wurden aber die
siegreich erkämpften Stellungen vor den Barrikaden behauptet. Prittwitz riet
dem König, in der nächsten Nacht Berlin mit den Truppen und dem königlichen
Schatz zu verlassen, um dann die Stadt von außen her einzunehmen und zu
unterwerfen. Es war die Meinung der Militärpartei überhaupt, die er vertrat;
daß der Rat vom König nicht angenommen wurde, hat in diesen Kreisen und
namentlich bei dem General selbst eine stille, aber mißmutige, erbitterte Opposition
hervorgerufen, die noch verhängnisvolle Folgen haben sollte.
Am 19. März erschienen neue Bürgerdeputationen, die die Forderung auf
Abzug der Truppen wiederholten; eine von ihnen, die vierte, die um 10 Uhr kam,
unter Führung des Bürgermeisters Naunyn, brachte zugleich die Nachricht, daß
bereits in drei Straßen die Barrikaden weggeräumt seien. Der König beriet
sich mit den anwesenden hohen Offizieren und Beamten, unter denen der Prinz
von Preußen und der Minister Bodelschwingh sich befanden; sie kamen, gegen
den Widerspruch des Prinzen, zu dem Beschluß, daß die Truppen überall da
zurückgenommen werden sollten, wo die Barrikaden beseitigt worden seien.
Ehe aber noch die Deputation beschieden werden konnte, langte der zum Ministerpräsidenten
in Aussicht genommene Graf von Arnim anz er veranlaßte den König,
sich mit ihm und Bodelschwingh noch einmal in sein Kabinett zurückzuziehen,
um den Vortrag über die Neubildung des Ministeriums entgegenzunchmen.
Was hier sonst noch geschehen ist, entzieht sich unserer Kenntnis. Tatsache ist
aber, daß Bodelschwingh in höchster Erregung, wie nach einer heftigen Szene
mit dem König, zu den im Sternensaal Versammelten heransgetreten ist und
als Befehl des Königs verkündet hat, daß die Truppen ohne weiteres von den
Barrikaden zurückgezogen werden sollten; uur Schloß und Zeughaus sollten noch
besetzt bleiben. Daß es Arnim gewesen sei, der bei diesem veränderten Beschluß
maßgebend eingewirkt habe, erscheint aus guten Gründen als ausgeschlossen;
wahrscheinlich hat der König den auf Abfertigung der Deputation drängenden
Bodelschwingh selbst in dieser Weise beschieden; und es wäre möglich, daß Bodelschwinghs
Einwendungen den in die Frage der Bildung des neuen Ministeriums
vertieften Monarchen zu unwirscher Erwiderung und einem nicht genügend überlegten
Befehl veranlaßt hätten. Friedrich Wilhelm ist zwar in diesen Tagen
nicht ganz so haltlos gewesen, wie unkritisch zusammengetragene Außerungen aus
den Hofkreisen ihn erscheinen lassen; aber gewachsen war er der schwierigen
Situation keineswegs; er hatte mehrere Nächte nicht geschlafen, und es gab
Momente, wo seine Nerven den Dienst versagten. Der Befehl, den Bodelschwingh
überbrachte, mußte militärischen und monarchischen Herzen allerdings unerhört
vorkommen. Er hätte nur Sinn gehabt, wenn die vom König früher immer
festgehaltene Bedingung, daß die Barrikaden vorher weggeräumt sein müßten,
erfüllt gewesen wäre. Vielleicht hat Friedrich Wilhelm in übertriebenem Vertrauen
auf die Versicherungen der Bürger das wirklich geglaubt; oder ist ihm
einen Moment doch der Gedanke durch den Kopf gegangen, das Militär zurückzuziehen,
um in seiner Mitte die Stadt zu verlassen? Jedenfalls waren die
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