Metadata : Bismarck Die gesammelten Werke. Band 6. (6)

60  Zustände  in  Sachsen.  Tschechische  Proklamation.

wir  jeden  Tag  aufkündigen  können,  wenn  er  uns  nicht  mehr  zusagt.  Wo  eine  widerspenstige
Haltung  der  ländlichen  Bevölkerung  hervortritt,  ist  dieselbe  mit  Ernst  zu  beseitigen.  Zur
Beurteilung  der  Situation  erwähne  ich,  daß  der  Kronprinz  von  Sachsen  sich  selbst  in  diesen
Tagen  von  der  schlechten  Stimmung  seiner  Truppen  hat  überzeugen  müssen,  welche  seinen
Gruß  oft  nicht  mehr  erwidern;  und  daß  nach  Aussage  der  Gefangenen  die  Stimmung
eine  höchst  erbitterte  ist;  es  fehlte  ihnen  nur  an  Gelegenbeit,  um  in  Masse  zu  uns  überzugehen
  wie  bei  Leipzig.  Der  Kronprinz  soll  in  einer  Anrede  an  die  Truppen  erklärt  haben,
sie  würden  bald  in  die  Heimat  zurückgeführt  werden,  da  der  König  von  Sachsen  Frieden
schließen  wolle.

Der  von  Ew.  pp.  erwähnte  Passus  in  der  tschechischen  Proklamation  hatte  zunächst
nur  eine  vorübergehende  militärische  Bedeutung,  um  die  Bevölkerung,  welche  die  Ortschaften
  verließ  und  dadurch  die  Verpflegung  erschwerte,  freundlicher  zu  stimmen.  Es
würden  allerdings  auch  für  die  Zukunft  Österreich  gegenüber  Garantien  darin  liegen,  wenn
wir  durch  den  Frieden  sowohl  Ungarn  wie  Böhmen  eine  unabhängige  Verfassung  verschaffen
  könnten;  doch  würde  dieser  Weg  erst  dann  indiziert  sein,  wenn  man  uns  jetzt  einen
billigen  Frieden  versagt.

*479.  Telegramm  an  den  Boischafter  in  Daris  Grafen  von  der  Goltz.
[Kanzleikonzept  .]

Am  13.  Juli  hatte  Graf  v.  d.  Goltz,  nachdem  ihm  abends  zuvor  endlich  der  große,  das
vorläufige  preußische  Friedensprogramm  enthaltende  Bismarcksche  Erlaß  vom  9.  (siehe  Nr.
460,  Anlage)  zugegangen  war,  eine  Unterredung  mit  Napoleon  gehabt.  Wie  der  Botschafter
selbst  das  Programm  auffaßte,  bat  er  in  seinem  retrospektiven  Briefe  an  seinen  Kollegen  in
London  Graf  Bernstorff  vom  28.  August  (K.  Ringhoffer.  Im  Kampfe  für  Preußens  Ehre.
Aus  dem  Nachlasse  des  Graf  A,  v.  Bernstorff,  S.  593  ff.)  dargelegt:  „Jene  erste  Depesche
war  noch  außerordentlich  bescheiden:  Bundesreformprojekt,  Kriegskosten,  Annexion  von  Ostfriesland.
  Bautzener  Kreis  Anwartschaft  auf  Braunschweig  Abdikation  des  Königs  von
Hannover  und  des  Kurfürsten  von  Hessen,  ein  kleiner  Strich  von  Böhmen  und  Österreichisch-Schlesien,
  ungarische  Verfoassung,  endlich  Schleswig-Holstein  nebst  einem  Stück  Hessen“.  Daß
der  Bismarchsche  Erlaß  in  erster  Linie  die  Vollannexion  von  Sachsen,  Hannover,  Hessen  und
Nassau  forderte  übersah  ja  Goltz  nichte  ganz.  aber  er  wollte  darin  eine  aus  taktischen  Gründen
gestellte  Maximalforderung  sehen,  die  nur  dann  weiter  zu  verfolgen  wäre,  wenn  sie  nicht  französische
  Kompensationsforderun  gen  hervorlockte.  Da  dies  nach  Graf  Goltz'  Auffassung  der
Fall  sein  mußte,  begnügte  er  sich  in  der  Unterredung  mit  Napoleon  vom  13.  (vgl.  seinen

Bericht  vom  23.  Juli,  in  dem  er  sein  Verhalten  vor  Bismarck  nachträglich  zu  rechtfertigen
sucht  e  bei  H.  Oncken.  Die  Rheinpolit  ik  Kaiser  Napoleons  III..  I.  2  von  dem  Kaiser  die
mündliche  Anerkennung  des  Grundsatzes  zu  erlangen,  daß  Preußen  überhaupt  in  Norddeutschland
  annektieren  könne.  Über  die  Unterredung  erstattete  Goltz  noch  am  13.  in  zwei  Telegrammen
  einen  vorläufigen  Bericht.  Das  erste  Telegramm,  das  am  15.  verstümmelt  und  ganz
unverständlich  im  Hauptgquartier  eintraf  (vgl.  Nr.  477,  Fußnote),  also  auf  Bismarcks  Entschließungen
  nicht  eingewirkt  hat,  behandelte  in  der  Hauptfache  (vgl.  E.  Brandendurg,  Untersuchungen
  und  Aktenstücke,  S.  580)  die  Frage  des  Abschlusses  eines  Waffenstillstandes.  Erst
ein  zweites  Telegramm  ging  auf  das  preußische  Friedensprogramm  ein.  Danach  hatte  Napoleon
gegen  dieses  Programm  keine  weitere  Einwendung  erhoben  als  den  Wunsch,  Süddeutschland
gegen  das  Übergewicht  des  Norddeutschen  Bundes  sichergestellt  u  sehen.  Unter  der  Vorausetzung,
  daß  Sachsen  zum  Süden  geschlagen  würde,  wäre  er  damit  einverstanden  gewesen,  daß
Preußen  den  ganzen  Rest  von  Norddeutschland  ohne  Kompensation  für  Frankreich  annektierte:
er  war  aber  auch  bereit,  bei  anderer  Sicherstellung  Süddeutschlands  die  Einbeziehung  Sachsens
in  den  Norddeutschen  Bund  zuzulassen.  Von  dem  Austritt  Österreichs  aus  dem  Deutschen
Bunde,  den  Goltz  bereits  in  der  ersten  Meldung  vom  13.  berührt  hatte,  war  in  der  zweiten
nichts  mehr  gesagt;  aus  dem  ganzen  Zusammenhang  ging  aber  hervor,  daß  Napoleon  erbötig
war,  ihn  als  conditio  sine  qun  non  in  Wien  zu  vertreten.  An  der  Integrität  Österreichs  mit
Ausnahme  Venetiens  hielt  Napoleon  nach  Goltz  zwar  fest,  jedoch  schien  er  gegen  kleine  Grenzrektisikationen
  nichts  zu  haben.  Hiernach  glaubte  Graf  Goltz  gewiß  zu  sein,  daß  man  sich  mit
Napoleon  über  die  Friedensbedingungen,  die  der  Kaiser  in  Wien  empfehlen  solle,  einigen
werde.  Er  kündlgte  in  seiner  Meldung  an,  daß  er  am  14.  mit  Napoleon  die  Friedensbedingun-