Full text : Preußische Geschichte. Dritter Band. (3)

I.  Die  Abrechnung  mit  Oesterreich.  7

schuldig  war,  das  heißt  seine  Ehre.  Um  keinen  Preis  wollte
er  ähnlicher  Mißachtung  verfallen  wie  sein  Vater.  Dazu  galt
es  nicht  bloß  Kraft  zu  haben,  sondern  sie  auch  zu  gebrauchen.
Unterhandlungen  ohne  gewaffneten  Rückhalt  bedeuteten  nach
seiner  Meinung  nicht  mehr  als  Noten  ohne  Instrument.  Mit
einem  solchen  aber  war  die  Diplomatie  recht  sein  Element:
obgleich  Antodidakt,  bewegt  er  sich  darin  doch  mit  der  Sicherheit
des  Genies  und  machte  mit  schadenfrohem  Behagen  die  Künste
der  zünftigen  Diplomaten  zu  schanden.  Wohl  hatte  er  im
Antimachiavell  gefordert,  um  das  Publikum  von  den  falschen
Vorstellungen  zu  heilen,  die  es  sich  von  der  Politik  mache,
wenn  es  darin  nicht  ein  System  der  Weisheit,  sondern  der
Spitzbüberei  vermute,  solle  der  Fürst  der  Ehrlichkeit  und  der
Wahrhaftigkeit  zu  ihrem  Rechte  verhelfen.  Trotzdem  ist  seiner
Politik  gerade  im  Anfang  ein  stark  machiavellistischer  Zug  eigen.
Er  war  nötig  und  nützlich:  er  half  Preußen  aus  der  Mißachtung,
  in  die  es  unter  seinem  Vater  verfallen  war,  weil  der
so  gar  nichts  Machiavellistisches  gehabt  hatte.  Doch  hat  Friedrich
  diese  diplomatischen  Künste  weder  überschätzt,  noch  ihre
moralische  Anfechtbarkeit  verkannt.  Sollen  sie  doch  alle  menschlichen
  Leidenschaften  ausnutzen.  Sie  sind  ihm  eine  Taschenspielerei,
  welche  die  Leichtgläubigen  und  die  Dummen  täuscht
und  hineinlegt.  Betrügt  den  Betrüger,  instruiert  er  Podewils,
und  lobt  ihn  als  den  „geschicktesten  Gaukler“.  Alle  Künste  soll
er  spielen  lassen,  hier  beruhigen,  dort  ermutigen;  diese  einschüchtern,
  jenen  schmeicheln;  die  einen  beweihräuchern,  die
anderen  überlisten.  Denn  Spitzbuben  gegenüber  ehrlich  sein
wollen,  sei  immer  gefährlich;  bringt  Ehrlichsein  Gewinn,  will
er  es  sein;  ist  den  anderen  zu  täuschen  nötig,  ist  er  bereit  ein
Spitzbube  zu  sein.  Aber  so  schnell  er  der  zünftigen  Diplomatie
ihre  Künste  abgesehen  hatte:  er  gestand  doch  offen,  daß  er  seine
Erfolge  meist  einem  unverhofft  günstigen  Zusammentreffen  der
Umstände  verdanke,  und  bezeichnete  sich  deshalb  geradezu  als
ein  außerordentliches  Glückskind.

Daß  mit  Oesterreich  abgerechnet  werden  müsse,  stand  für
ihn  fest.  Es  fragte  sich  nur,  auf  welchem  Wege  und  in  welchem
Umfange.  Das  hing  davon  ab,  welche  von  den  noch  schwebenden