Full text : Gesetzsammlung für das Fürstenthum Schwarzburg-Rudolstadt. Zweiunddreißigster Jahrgang. 1871. (32)

dem  Ersten,  der  —  ein  großer  Herrscher  —  mit  eiserner  Hand  in  seinem
großen  Reiche  herrschte  und  regierte.

Eine  der  gebildetsten  und  gelehrtesten  Persönlichkeiten  seiner  Zeit,  besaß
Friedrich  Wilhelm  die  für  einen  König  glücklich-unglückliche  Fähigkeit,
sich  in  alle  Verhältnisse  und  Einrichtungen  anderer  Staaten  und  Völker
hineinzudenken  und  sich  für  sie  jeweilig  zu  erwärmen,  für  sie  zu  schwärmen,
für  jedes  Regierungssystem  vom  Zarismus  bis  zum  englischen  Parlamentskönigtum.
  Der  König  war  für  sich  tatsächlich  von  dem  Gefühl  eines  mystischen
  Gottesgnadentums  erfüllt,  was  andere  Könige  und  Kaiser  nur  als  Pose
benutzten  und  als  Mittel  für  die  Stärkung  ihrer  Autorität  und  ihres  Selbstbewußtseins
  —  ein  Kapitel  übrigens,  auf  das  wir  bei  Wilhelm  dem  Zweiten
zurückkommen  werden:  Friedrich  Wilhelm  war  der  ehrfürchtigen  Überzeugung,
  der  König  stehe  in  unmittelbarem  ‚Verkehr  mit  Gott,  und  zwar
derart  —  wie  er  aus  eigener  Erfahrung  wisse  —,  daß  vom  Augenblick  der
Thronbesteigung  Gott  dem  König,  dem  Fürsten  von  Gottes  Gnaden,  Erleuchtungen
  zukommen  lasse,  die  diesem  vorher  nicht  zuteil  geworden  seien.
Er,  der  König,  wisse  seitdem  Dinge,  die  er  als  Kronprinz  noch  nicht  habe
wissen  können.

Friedrich  Wilhelm  der  Dritte  fühlte  sich  auch  in  der  Atmosphäre  des
Gottesgnadentums,  aber  er  sah  auch  die  Notwendigkeiten  des  praktischen
Lebens  und  ließ  sich  —  soweit  seine  Selbständigkeitskraft  reichte  —  durch
diese  bestimmen.  Er  war,  dem  Wesen  nach,  geneigt,  an  sich  zu  zweifeln,  und
daraus  konnte  ihn  auch  das  Gefühl  des  Gottesgnadentums  nicht  erlösen.

Friedrich  Wilhelm  der  Vierte  hingegen,  von  schwärmender  Begeisterung
in  dem  Gedanken  erfüllt,  wie  reich  er  sein  Volk  beglücken  wollte,  tat  den  berühmten
  Ausspruch,  nie  ‚werde  er  zugeben,  ‚daß  sich  zwischen  unseren
Herrgott  im  Himmel  und  dieses  Land  ein  beschriebenes  Blatt,  eine  Verfassung
  —  gleichsam  als  eine  zweite  Vorsehung  —  dränge‘“.  Das  sagte  der
König  im  Jahre  1847  bei  der  Eröffnung  des  vereinigten  Landtags,  den  er
nach  vielen  Versprechungen  und  vielem  jahrelangen  Zögern  hatte  verwirklichen
  lassen.  Dieser  genügte  jedoch,  sogar  als  ständische  Vertretung,  nicht,
geschweige  denn  als  eine  Volksvertretung.  Eine  solche  wollte  der  König  auch
nicht,  und  der  Ausdruck  für  diese  seine  unabänderliche  Willensmeinung  war
eben  jener  Ausspruch  von  den  Blatt  Papier,  der  naturgemäß  im  gesamten
liberalen  Lager  und  links  von  diesem  allgemeine  Enttäuschung  und  Wut
erregte.

Prinz  Wilhelm  von  Preußen,  sein  Bruder,  hatte  gegen  den  Landtag
schwerste  Bedenken  gehabt  und  Widerstand  geleistet,  solange  er  konnte.
Als  der  König  aber  den  Landtag  schließlich  ins  Leben  gesetzt  hatte,  sagte
Prinz  Wilhelm:  „Ein  neues  Preußen  wird  sich  bilden.  Das  alte  geht  mit

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