Full text : Medizinal-Statistische Mittheilungen aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte. Zehnter Band. (10)

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handlung  gewesen  zu  sein.  Die  Impfung  war  reaktionslos  verlaufen.  890  mit  derselben  Lymphe  geimpfte
Kinder  blieben  gesund.  —  Im  Amtsbezirk  Neustadt  a.  A.  (Mittelfranken)  erkrankte  ein  Kind  14  Tage
nach  der  Impfung  unter  hohem  Fieber  an  einer  Zellgewebsentzündung  der  Gesäßgegend  und
alsdann  an  allgemeiner  Furunkulose  mit  Fieberanfällen,  und  ging  schließlich  nach  8  Monaten  unter  den
Erscheinungen  von  Blutarmut  zugrunde.  Ein  Zusammenhang  mit  der  Impfung  konnte  nicht  festgestellt
werden.  —  In  Biblis  (Kreis  Bensheim,  Starkenburg)  ist  ein  Kind  8  Tage  nach  der  Impfung  an
Krämpfen  gestorben  bei  regelrechter  Entwicklung  der  Impfpusteln.  —  Im  Kreise  Dieburg  (Starkenburg)
starb  ebenfalls  ein  Kind  nach  der  Impfung  an  Krämpfen  in  einer  Familie,  welche  2  Jahre  vorher  den
Tod  eines  nicht  geimpften  Kindes  aus  gleicher  Ursache  zu  beklagen  hatte,  ein  anderes  in  Münster  (Starkenburg)
  an  Brechdurchfall  zu  einer  Zeit,  während  der  diese  Krankheit  auch  bei  nicht  geimpften  Kindern
in  dem  Orte  gehäuft  auftrat.

An  Todesfällen,  welche  in  die  Zeit  der  Impfung  fielen,  ohne  mit  der  Impfung  in
Zusammenhang  zu  stehen,  wurden  gemeldet  in  Preußen  15,  Bayern  27,  im  Königreich
Sachsen  5,  in  Württemberg  9,  Baden  2,  Hessen  3,  Sachsen-Altenburg  2,  Reuß  é.  L.
und  Reuß  j.  L.  je  1  und  in  Hamburg  9.  Die  häufigsten  Todesursachen  waren  wie  in
früheren  Jahren  Brechdurchfall,  Krämpfe  und  Lungenentzündung.

Die  bei  den  geimpften  Kindern  aufgetretenen  Erkrankungen  waren  zum  Teil  Zufälligkeiten,
  die  zeitlich  mit  der  Impfung  zusammentrafen;  andere  Erkrankungen  hingegen
haben  ihren  Ausgang  von  der  Impfstelle  genommen.

Zu  den  letzteren  gehören  die  stärkeren  Entzündungen  der  Haut  in  der  Umgebung
  der  Impfpusteln.  Diese  sind  in  den  meisten  Bundesstaaten  nur  vereinzelt  aufgetreten;
  nach  den  Berichten  kamen  sie  in  Preußen  öfter  und  in  Baden,  wo  23  Impfärzte
  darüber  berichteten,  häufig  vor.  Die  Entzündungen  wurden  vorzugsweise  bei
Wiederimpflingen  und  zumeist  als  Folgen  einer  Schädigung  des  geimpften  Armes  durch
Schlag,  Druck  oder  Überanstrengung  beobachtet.  Bei  entsprechender  Schonung  des  Armes
gingen  sie  sehr  bald  zurück.  Der  Stadtphysikus  in  Braunschweig  mißt  die  Schuld  an
solchen  Erkrankungen  einer  auch  in  früheren  Jahren  wiederholt  gerügten  unzweckmäßigen
Behandlung  der  Impfstelle  bei;  so  ist  von  ihm  beobachtet  worden,  daß  die  Mütter  häufig,
um  ein  stärkeres  Angehen  der  Pusteln  zu  vermeiden,  die  Impfschnitte  gleich  nach  der  Impfung
mit  schmutzigen  Händen  oder  Taschentüchern  abwischten.  In  Schwarzburg-Rudolstadt
sind  nach  Angabe  des  dortigen  Berichterstatters  Entzündungen  der  Haut  an  der  Inmnpfsstelle
durch  zu  frische  Lymphe  hervorgerufen  worden;  es  erkrankte  nämlich  eine  größere  Anzahl
der  mit  der  Lymphe  vom  Kalb  Nr.  24  des  Impfinstituts  in  Weimar  geimpften  Kinder  in
dieser  Weise.

Eine  Entzündung  der  Lymphdrüsen  in  der  Achselgegend  kam  nur  hin  und  wieder
vor;  selten  trat  hierbei  eine  Vereiterung  ein,  die  übrigens  nach  Entleerung  des  Eiters  stets
in  Heilung  überging.  Ein  derartiger  Fall  ereignete  sich  in  Anbachthal  (Reuß  ä.  L.),
ein  anderer  in  Altmittweida  (Bez.  Leipzig)  und  3  in  Hamburg.  In  Meerane  (Bez.
Chemnitz)  erkrankte  ein  Kind  nach  der  Nachschau  an  Fieber  und  Verstopfung  und  schließlich
entwickelte  sich  etwa  einen  Monat  nach  der  Impfung  eine  Augenentzündung.  Gleichzeitig
war  eine  Schwellung  der  Achseldrüsen  aufgetreten,  die  aber  bei  der  amtsärztlichen  Untersuchung
  1½  Monate  nach  der  Impfung  bereits  im  Rückgange  begriffen  war,  während  die
Augenentzündung  noch  keine  Anzeichen  der  Besserung  zeigte.  Die  Untersuchung  ergab,  daß
die  Schwellung  der  Achseldrüsen  wohl  eine  mittelbare  Folge  der  Impfung  war,  die  Augenentzündung
  aber  mit  der  Impfung  nicht  im  Zusammenhang  stand.

Entzündungen  und  Eiterungen  des  Unterhautzellgewebes  kamen  in  Preußen,
abgesehen  von  vereinzelten  Fällen  in  2  Regierungsbezirken,  11  mal,  in  Württemberg  1
mal,  Baden  5  mal,  Braunschweig  4  mal  und  Hamburg  1  mal  zur  Beobachtung;