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Nr. 148
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Mittwoch, 1. Juli 1914
Rosenheimer Anzeiger
„Kofenheimer Anzeiger mit dem textlich umd illustratio reich ausgestatteten achtseillgen
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Amtliches Bublikalions-Organ.
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Ermordung des öüsterreichischen Chronfolgers und seiner Gemahlin.
Eine erschreckende Kunde brachte der Telegraph
in die feierliche Stille des Sonntagnachmittags
aus Serajewo, der Hauptsladt von
Vornien. Der österreichische Thronfolger, Erzheriog
Franz Ferdinand, wodnte dort den groken
Manövern an und hielt am Sonntag vor
miltag mit seiner Gemahlin, der Herzogin
Sophie von Hobenburg, den Einzug in Sera
jemo. Dabei schleuderte ein verkommenes Individuum
eine Bombe auf das erzherzogliche
Automobil, ohne daß indessen das erzherzogliche
Paar zu Schaden gekommen wäre. Kurz
darauf erhob ein wahnwiyiger Junge die Pistotc
gegen das Paar, und der Erzherzog (0.
wobl wie auch seine Gemahlin erlagen alsbald
den tödlichen Kugeln. Ganz Deutschland, die
ganze gesittete Welk ist empört über das fluch
würdige Verbrechen und teilt in innigstem Mitgesü!
die Trauer und den Schmerz des haobsburgischen
Hauses und der österreichisch ungarischen
Lande. Die hadsburgische Monalchle erleidet
einen unersetzlichen Verlust durch die Zerörung
eines Lebens, das zum Höchsten berufen
erschien. Der Mord von Serajewo ist vielleicht
das entsetzlichste der politischen Attentate, die in
den letzten dreißig Jahren so häufig geworden
sind, und er setzt die lange Reihe von Schicksaleschlägen
fort, die den Kaiser Franz Josef
heimgesucht haben. Die Sympathie aller wendet
sich dem schmerzgebeugten Kaiser zu, der sich
in seinem 84. Lebensjahr vereinsamter findet
denn je und der dennoch tapfer eine Bürde ron
Kummer und Verantwortung trägt, wie wenige
Männer in der Geschichte berufen gewesen find.
Den einzigen Sohn sah er vorzeitig ins Grab
sinken, die Kaiserin wurde durch meuchlerische
Mörderhand jäh von seiner Seite gerissen, ein
unversöhnlicher Schiksalsschlag nimmt ihm jetzt
auch das Paar, auf welchem die Hoffnungen
des ganzen Habsburger Reiches ruhten.
Erzherzog Franz Ferdinand ist ein treuer
Freund unseres Kaisers gewesen. Mit starkem
Sinne, mit festem Willen und in unerschütterlicher
Arbeit war er tätig für das Werk des
Friedens. Mit seiner Gemahlin, mit seiner
Familie führte er ein vorbildliches Leben, das
ihm und den Seinigen die Zuneigung und
die Verehrung aller sicherte. Innige, schmerzliche
Trauer erfüllt somit auch alle angesichis
des freventlichen Anschlages auf sein und seiner
Gemohlin Leben. Diese Teilnahme ist besonders
groß im bayerischen Volle, dessen Herrscherhaus
mit dem Hause Habsburg auf das
Innigste verbunden ist. Treue Segenswünsche
Kellen dem Erzherzog Karl wFran Joses, dem
noch jugendlichen Fürsten, dem das Los, zugefallen
ist, unter so erschütternden Umständen
in die Rechte und Pflichten des Thronfolgers
der Donau-Monarchie einzutreten. Die Untersuchung
wird die Motive des ruchlosen MoröI
haissittlen. Ob sie politisch, ob sie anarchich
sind, sie bleiben gleich verdammenswert.
* balkanischen Volksstämme sehen in dieser
surchtbaren Tat wieder, wohin die übertriebenen
politischen Agitationen führen können. Ueber
die Tat selbst lassen wir jetzt die üheren Einzelheiten
und Zeoleiterscheinungen in gedrängter
Kürze folgen.
·
Die Attentate.
Erzherzog Franz Ferdinand und oie Herzogin
von Hohenburg weilten schon einige Tage in
Bosnien. Sie waren von ihrem Aufenthalt
dort sehr befriedigt. Besonders gut gefiel ihnen
der Kurort Jlisse. Ueberall, wo sie sich zeigten,
waren sie der Gegenstand bergicherpationen des
Pubi#ikums, so auch am Sametag bei der Prome·
nade, welche sie ohne jede Begleitung im Kur-
Kah#e#r Franz Zolef.
harl von Ilisse unternahmen. Am Sonntag
sand dann der Einzug in Serajewo siatt.
Als der Erzherzog-Thronfolger Franz Ferbinand
sich am Sonntag mittag zum Emrfang
im Rothaus begab, wurde gegen jein Automobil
eine Bombe geschleudert, die der Erzher:og
mit dem Arme zurückstieß, Die Bombe explodierte,
nachdem das erzherzogliche Automobdil
passiert war. Die im nachfolgenden Automobil
befindlichen Herren, Graf Doos-Waldeck
und der Flügeladjutant des Landeschefe Oberstleutnant
Merizzi, wurden leicht verletzt. Vom
Publikum wurden 6 Personen mehr oder minder
schwer verletzt. Der Attentäter ist ein Typ#-gqrarh
aus Trebinje, namens Cabrinovicz.
Er wurde sofort festgenommen.
Nach dem festlichen Empfange im Rathause
setzte der Erzherzog mit Gemahlin die Rundfahrt
sort. Ein Gymnasiast der 8. Klasse,
namens Prinzip aus Prahovo feuerte aus
einer Browningpistole mehrere Schüsse auf den
Erzherzog ab. Er wurde ins Gesicht getrorsen,
seine Gemahlin wurde durch einen Schuß in den
Unterleib verletzt. Beide wurden nach dem
Konal verbracht und sind dortselbst den Ver-Auch
der zweite Atientater
wurde verhaftet. Die beiden Altentäter wurden
von der erregten Menge nahezu gelyncht.
Von anderer Seite wird über das Attentat
geschricben:
Vormittags 10 Uhr trafen der Eczherzog
und die Erzherzogin aus Ilidze in Serajewo
ein, wo ein großartiger Empsang vorbereitet
war. Unweit des Bahnhofes wurde auf ihren
Wagen eine Bombe geworfen, von der der
Thronfolger und seine Gemahlin noch verschont
blieben, durch die aber 11 Personen aus dem
Publikum verletzt wurden, davon 6 schwer. Die
beiden Osfiziere des Gefolges sollen# ebenfalls
schwer verletzt sein. Trot dieses Attentats fuhr
oas Erzherzon gaar nach dem Rathause weiter.
Nach dem Verlasse #des Nathauses sollen
der Erzherzog und seine. Gemahlin die Absicht
gehabt haben, den Berwundeten einen Besuch
ahmnstotten. Am Hauptplatze sprang plötzlich
ein junger, gul gelleideter Mann aus dem
Publikum hervor und gab auf das erzherzogliche
Paar zwei Sßüsse ab, deren einer den
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urg, Hannoder, Innabruck e nenlerue. ——
ortung ur
Criherzog= Thronfolger in der Nähe der Scchläfe,
der andere die Der gin von Hohenburg in den
Unterleib traf. Das Automobil setzte die Fahrt
nach dem Konak in beschleunigtem Tempo fort,
wo sofort Aerzte zur Slelle waren; doch war
led: Hilfeleilung unmöglich. Gleich nach ihrem
Eintreffen im Konak sind der Erzherzog und
seine Gemahlin verschieden.
Die Mordbuben.
Der Attenäler Prinziv im 10 Jahre alt. Bei
seinem Verhör gab er an, schon lange die Ahsicht
gehabt zu lhaben, irgend eine hohe Person
aus nationalistüchen Motiven zu böten.
Er habe einen Moment gesogert, da sich auch
bie Gemahlin des Erzherzogs in dem Automobil
befand, habe dann aber raich gefeuert. Der
Täter leugnet, Komplizen zu haben. Der 21.
jährige Typograph Cabrinovicz zeigte beim
Verhör ein sehr zynisches Wesen; auch er erklärte,
keine Komplizen zu haben. Er ist nach
dem Attentat in den Fluß gesprungen, wurde
jedoch von nachspringenden Wachtleuten und
Zuschauern aufgehallen und verhaftet. Wenige
Schritte vom Schauplatze des zweiten Attentats
wurde eine unwirksam gebliebene Bombe auf-Zefunden.
Sie dürfte voll einem #ritten Atienläter
weggeworfen worden sein, nachdem er geselen
hatte, daß der Anschlag gelungen war.
Prinzip erklärte, daß er längere Zeit in Belhrad
studiert habe. Cabrinovic sagie, daß er
die Bombe von einem Anarchisten in Belgrad
erhaiten habe, dessen Namen er aber nicht kenne.
Es scheint also, daß das Attentat von serbischer
Seite angezettelt wurde.
Nach dem Aitentate.
Sobald die Nachricht von dem Hinscheiden
des Erzherogs Franz Ferdinand und seiner
Cemahlin in der Sladt belanm geworden war,
wurden alle Fahnen auf Halbmast gesent. Das
Landtagspräsidium richteie sofort an die Ka-Uincttslanzlei
des Kaliers ein Telegramm, in
dem dem Schmerze un der Entrüstung der gesämten
Bevollerung uber das ruchlose Attenlat
Ausdruck gegeben und dem Kaiser die unerschütterliche
Treue und Ergebenheit an das Herrjch
erhaus bersichert wird. Um 1 Uhr nachmit
id eine Tlaueritung des Gemeinde
rat- nan. um Uhr wurde der Landtag zu
einer Trauerigung einberufen.
Einzeleiten über das Atientat.
Die „Neue Freie Presse“ bringt folgende Ein.
zelheiten über die erschütternde Tragödie in
Serafjewo: Nach dem ersten Attentat, wobei
der Flügeladjutant Oberstleujznant von Morihm
am Halie verwundet wurde. ließ der Erzberiog
das Automobil halten. Nachdem er erfahren
hatte, worum es sich handelle, fuhr er
nach dem Nathause. Dort erwarleten ihn die
Gemeinderäte mit dem Burgermeister an der
Spite. Der Bürgermeister wollte eine An-/irrache
halten. Als er sich hiezu anschickte,
sagte der Erzherzog in scharfem Tone zu ihm:
„Hert Bürgermeister! Da kommt man nach
Serajewo, um einen Besuch zu machen, und da
wirft man auf einen Bomben. Das ist empörend!"
Nach ciner Pause sagte er: „So,
jegt dönnen Sie sprechen!“ Der Bürgermeister
hielt dann eine Ansprache an den Erzherzog,
der hierauf erwiderte. Das Publikum, das
inzwischen von dem Attentat erfahren hatte,
brach in begeisterte Zivlo-Rufe auf den Erzherzog
aus. Nach einer Besichtigung des Rathauses.
die eine halbe Stunde dauerte, wollte
der Erzherzog in das Garnisonslagarett fahren,
um den verwundeten Oberstleutnant zu besuchen.
Als der Eczherzog an der Ecke Franz-Josef-Gasse
und Rudolf-Gasse anlangte, wur-