ohne gaͤnzliche Umwandlung des religioͤsen Lebens. Vorderhand
aber vollendeten die kraftvolle Einheit der Staatsgewalt und
die Wucht der deutschen Einwanderung die rasche Germani—
sierung des Landes. Nicht eine Vermischung der Deutschen mit
den Preußen vollzog sich, vielmehr eine Verwandlung der Ur—
einwohner. In der Fülle des rings aufsprießenden deutschen
Lebens erstickten die letzten Triebe preußischer Sprache und
Sitte. Schon zu Anfang des vierzehnten Jahrhunderts herrschte
die Sprache des Eroberers, dem Deutschen war verboten, mit
seinem Gesinde Preußisch zu reden. Fuͤnfzig Jahre darauf, da
ein preußischer Saͤnger auf einem Hoftage zu Marienburg
unter die Spielleute der Deutschen trat, schenkten ihm die
lachenden Ritter hundert falsche Nuͤsse, denn „niemand hat
verstanden den armen Pruͤsse“. Noch im sechzehnten Jahr—
hundert mußten in einzelnen Kirchen Tolken, Dolmetscher, der
Gemeinde die deutsche Predigt erklaͤren; ja, in tiefgeheimer
nächtlicher Versammlung schlachtete da und dort noch ein Heidenpriester
den Bock zu Ehren der alten Götter, und Matthäáus
Prätorius fand sogar zweihundert Jahre später einzelne kirchenfeindliche,
an altem Wunderglauben hangende Fischer, die ihm
als „rechte alte preußische Heiden“ erschienen. Doch seit Luthers
Tagen verhallten allmählich die letzten Laute der preußischen
Sprache. Nur das zähere Volkstum der Litauer in Schalauen
und Nadrauen hat sich noch heute sein heimisches Wesen bewahrt:
noch heute lebt die schöne liederreiche Sprache, die
Männer tragen noch den Bastschuh, die Mädchen die reichgeschmückte
blaue Kasawaika.
So ward das Weichseltal in die Geschichte eingeführt und das
neue Deutschland gegründet — trotz aller politischen und militärischen
Gemeinschaft im schroffsten Gegensatze zu der Eroberung
der Länder am Dünabusen. Fassen wir in wenigen
Sätzen die Charakterzüge der Kolonisation Preußens und der
heutigen russischen Ostseeprovinzen zusammen, welche allein
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