296 Buch III. Kap. 7.
genius ihres Gatten zu entbinden. Während hier ein
heldischer Muth in krankhafter Ueberreizung das Unmögliche
wollte und so mit der eigenen Existenz auch die des geliebten
Mannes zerstörte, legte sich drunten in Wien eine
linde Frauenhand zärtlich beschwichtigend auf die fieberndheiße
Stirne Lenau's. Da that es nicht noth, den Genius
zu wecken: er war nur zu verzehrend wach. Vergebens
warnte Sophie den unglücklichen Dichter der Albigenser,
dem Iveal keine dämonische Gewalt über das Leben einzuräumen
203). Mit schon halb umdunkelter Seele riß er
sich von der Warnerin los und sprang mit dem Ruf: „In
die Freiheit!“ in die Nacht des Wahnsinns.
203) In einem Briefe, welcher voll Poesie ist und, von Schurz
in seiner Biographie Lenau's mitgetheilt (II, 277), so lautet: —
„Freilich ist Auersperg auch ein Dichter, aber nicht wie Sie; trotz
seines schönen Talents nicht so durch und durch. An ihn würde
mich nicht gemahnt haben, was ich neulich auf der Donau sah
und was mich so heftig und schmerzlich an Sie mahnte. Ein
armer Kroate oder Slowake, ein Wallfahrer, trieb in einem kleinen
Kahn auf der Donau. Im ärmlichen Zwillichkittel stand er in
seinem Fahrzeug und ruderte lässig dahin und dorthin, planlos,
und schaute mit seinen dunklen, schwermüthigen Blicken den bewegten
Wellen nach, unbekümmert um die Leute am Ufer, die
seinem wunderlichen Treiben zusahen. Seinen Hut mußte er
weggeworfen haben, den bloßen Kopf setzte er der Sonne aus,
kein Kleidungsstück, kein Brot, keine Flasche hatte er in seinem
Kahn, nur einen großen vollen grünen Kranz, den er an seinem
Pilgerstabe am Vordertheile des Schiffchens wie eine Flagge befestigt
hatte. War das nicht das Bild eines echten Dichters?
Ihr Bild, lieber Niembsch? Haben Sie nicht auch so im Leben
herumgetrieben, im leichten Kahn, auf dem wilden dunklen Strom,
nach keinem Ufer ausblickend, mit weggeworfenem Hut, und nur